neunzehndreizehnlektüre

Das Jahr 2013 ist in doppelter Hinsicht ein Jubiläumsjahr. Noch vor hundert Jahren überschlug man sich mit Schriften, Eröffnungen und Festlichkeiten anläßlich des Jubiläums der Völkerschlacht bei Leipzig. Dieses Ereignis genießt seinen nationalen und europäischen Auswirkungen zum Trotz heute eine geradezu bescheidene, regionale Beachtung. Dezent anders verhält es sich mit dem Vorkriegsjahr 1913 und seinem freideutschen Gründungsfest auf dem Hohen Meißner. Einige Publikationen haben sich dieses Themenkomplexes angenommen. Zwei von ihnen möchten wir hiermit vorstellen.

Beginnen wir regional. Daß der Erste Freideutsche Jugendtag letztlich auf einem hessischen Basaltberg stattfand, könnte darüber hinwegtäuschen, daß das Gros der Mitwirkenden rechts der Werra, in Thüringen, beheimatetet war. In Jena machte man die wesentlichen Vorbereitungen. Hier entschied man sich für Name, Art und Ort des Festes. Mit Eugen Diederichs war ein Thüringer maßgeblich an der Festschrift und der allgemeinen Organisation beteiligt. Der Jenaer Sera-Kreis begeisterte mit dem Theaterstück „Iphigenie“. Die Burschenschaft Vandalia und die Akademische Vereinigung aus Jena kamen ebenso hierher wie Lehrer und Schüler der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. Zuguterletzt kamen alle Bünde am Vorabend des Ersten Freideutschen Jugendtages auf der thüringischen Burgruine Hanstein zusammen, bevor man in der Frühe die Werra überquerte und dem Meißner zuwanderte. So jährt sich dieser Tage auch ein Ereignis, welches ohne Zutun aus Thüringen wohl kaum in dieser Form stattgefunden hätte. Diese kurze Vorgeschichte könnte erklären, warum Arno Klönne zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen das Heftchen „Es begann 1913 – Jugendbewegung in der deutschen Geschichte“ veröffentlicht hat. Schließlich begann es auch ein Stück weit in Thüringen.

Wie der Titel vermuten läßt, bildet das Treffen auf dem Meißner nur den Ausgangspunkt für weitergehende Betrachtungen. Beginnend mit dem Fest auf dem Hohen Meißner unternimmt Arno Klönne in kurzen Abschnitten eine Reise durch die „deutsche Geschichte“. Wandervogelromantik, Feldwandervogel, Arbeiterjugend, Weimarer Jahre, Wehrerziehung, Vereinnahmung im Nationalsozialismus, Nachkriegszeit und letztlich die erneute Verstaatlichung der Jugend durch die FDJ. Ein Großteil der Kapitel wird durch den Hinweis auf weitergehende Literatur ergänzt. Aus diesem Grund eignet sich das Werk für all jene, die sich einen ersten Überblick über die Geschichte der Jugendbewegung verschaffen möchten und an weiterführender Lektüre interessiert sind. Etwas verwirrend wirkt lediglich der letzte Passus „Dokumente“, da hierin längst behandelte Epochen erneut aufgegriffen werden. So hätte man zumindest die zwei Texte von Buber-Neumann und Ludwig Gynrod den entsprechenden Kapiteln zuordnen können. Aber auch die Neue Schar von Muck Lamberty und der Arbeiterjugendtag in Weimar hätten ein eigenes Kapitel verdient, schon allein um zu verhindern, daß das ansonsten ansprechende und anregende Buch mit „hastig aufgeworfenen Soldatengräbern“ endet. Besonders hervorzuheben ist die umfangreiche Betrachtung der sonst in der jugendbewegten Geschichtsschreibung eher vernachlässigten Arbeiterjugend. Man merkt diesen Kapiteln an, daß es eine Herzensangelegenheit des Autors war, diese Lücke zu schließen.

„An dem Treffen der Freideutschen Jugend auf dem Meißner 1913 waren Gruppen der Arbeiterjugend nicht beteiligt.[1] […] Immerhin bildeten sich im Zeichen der aufkommenden Jugendbewegung Berührungsflächen heraus. Als Indiz dafür sei hier das Lied „Wann wir schreiten Seit` an Seit´“ erwähnt. Wahrscheinlich ist es 1913 auf der Wanderfahrt einer Arbeiterjugendgruppe entstanden – im Jahr des Meißnertreffens, an dem Hermann Claudius Verfasser des Liedtextes, teilgenommen hatte. 1920 wurde das Lied dann auf dem Arbeiterjugendfest in Weimar von einer Hamburger Gruppe vorgetragen und so begeistert aufgenommen, dass der „sozialdemokratische Reichsjugendtag im Zeichen dieses Liedes stand“, wie ein Berichterstatter schrieb. Schon bald wurde es landauf landab gesungen und gehörte bald zum festen Liederbestand vieler Richtungen der Jugendbewegung. „Mit uns zieht die neue Zeit“ – dieser Refrain drückte gemeinsame jugendliche Hoffnung aus.“  (Arno Klönne, Kapitel Arbeiterjugendbewegung, Seite 25)

Info: Das Heft „Es begann 1913“ kann gegen Portoerstattung direkt bei der Landeszentrale bestellt oder kostenfrei abgeholt werden. Es lohnt sich! Auch uns liegen 10 Exemplare des Heftes vor, die wir gerne an Interessierte verschicken (Gruppenführer bevorzugt).

Einen etwas engeren zeitlichen Fokus setzt sich das ZEIT-Geschichte-Heft „Anders Leben“. Die zwei Unterschriften „Wilder denken, freier lieben, grüner wohnen“ und „Jugendbewegung und Lebensreform in Deutschland um 1900“ lassen erahnen, wo die Reise hingeht. Schon der Titel macht deutlich, daß es eine Zeit gab, in der das Anderssein noch Aufsehen erregte. Am deutlichsten zeigte sich dieser Kontrast zwischen der alten und der alternativen, anderen Welt in den Anfängen des letzten Jahrhunderts. Sehr anschaulich führt uns das Heft einleitend die krassen Gegensätze der Zeit vor Augen: Uniform versus Nacktheit, Gehorsam versus Freiheit, Fortschritts- versus Naturglaube. Das uniforme, zackige und schornsteinqualmende Kaiserreich ist hinlänglich bekannt. Auf den weiteren Seiten des Heftes werden dem Leser Gegenmodelle unterschiedlicher Reformbewegungen vorgestellt. Die Fülle und Vielfalt allein macht schnell deutlich, daß es sich hierbei um keine Einzelphänomene handelte. Gleich der erste Artikel wagt eine Bestandsaufnahme:

„Vegetarier, Antialkoholiker, Naturheiler, Naturschützer, Wandervögel, Reformpädagogen, Propheten der freien Liebe, der Nacktkultur, der Reformkleidung, des Jugendstils, der östlichen Weisheit, der naturnahen Lebensgemeinschaft fern der Städte – die Aufbruchsbewegungen um 1900 bieten ein kunterbuntes Panorama. Wer hier Strukturen entdecken will, ist erst einmal ratlos.“ (Joachim Radtke; Ins Freie, ins Licht!, Seite 17)

Nach der Lektüre des Heftchens ist diese Ratlosigkeit womöglich nicht kleiner. Das „kunterbunte Panorama“ dürfte aber sichtbar geworden sein. Jede der über 100 Seiten bietet ein neues Mosaiksteinchen dieser bewegenden Zeit. Der Monte Verità und seine Besucher werden ebenso vorgestellt wie die Schöpfer formvollendeter Möbel und prächtiger Bauten. Das gleiche gilt für die Träger von Licht- und Reformkleidern. Mehrere Artikel sind der Jugendbewegung und dem Fest auf dem Hohen Meißner gewidmet. Es ist naheliegend, daß der  Jahrestag dieses Ereignisses die Heftmacher zur Herausgabe motiviert hat. Der Lesegenuß gibt ihnen recht. Dieser wird auch nicht durch die aufgezeigten Schattenseiten der vorgestellten Epoche geschmälert. Ganz im Gegenteil, das Heft erklärt, statt wie allzuoft durch Verschweigen zu verklären. Ähnlich ehrlich rundet ein „echtes“ Streitgespräch zwischen dem Historiker Ulrich Linse und der Grünen-Politikerin Antje Vollmer das Heft ab und bietet zugleich einen hervorragenden Brückenschlag in die heutige Zeit. Ein Heute, wo man die Irrwege von 1913 schmunzelnd (Kokovorismus) bis grimmig (Arisierung), die Irrwege von 1968 (Pädophilie) zaghaft und die heutigen Irrwege allzu selten zur Kenntnis nimmt. Stets auf der Suche nach dem „Neuen Menschen“. Auf die Politisierung der Jugendbewegung angesprochen, stellen die beiden Interviewpartner fest:

Vollmer: „Der Lebensreformbewegung wurde aber oft unrecht getan. Als habe ein direkter Weg von der Lebensreform in den Nationalsozialismus geführt. Das halte ich für Unsinn. Die Lebensreform war missbrauchbar, von links wie von rechts.

Linse: Ich würde da nicht von einem Missbrauch sprechen. Es gibt ja nicht die reine Lebensreform. Sie ist ein Modul, das in alle möglichen politischen Kontexte eingebaut werden kann.

Vollmer: So unbestimmt aber ist das lebensreformerische Denken nun auch wieder nicht. Es lebt immer von großer Kreativität, vom Mut zum Selbstexperiment, von revolutionären Ideen, immer auf eigenes Risiko …“ (Interview, Seite 102)

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Info: Das Heft kann „auf eigenes Risiko“ hier bestellt werden. Auch dies lohnt sich!


[1]    Die Arbeiterjugend gehörte nicht zu den offiziellen Veranstaltern des Festes. Zumindest ein Bericht von einer Gruppe, die am Jugendtag mit roter Fahne teilgenommen hätte, deutet darauf hin, daß einzelne Gruppen und Personen der Arbeiterjugend im Oktober 1913 auch auf dem Hohen Meißner anwesend waren.

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