9. November 1989 – Von zweien, die auszogen …

einvolk…, die Freiheit zu suchen.

Vor nunmehr zwanzig Jahren fand ein entzweites Volk zusammen, und beiderseits der Mauer erhob man sich, das Trennende zu überwinden. Wir möchten die Erinnerungen zweier Jugendbewegter wiedergeben, die einen Blick auf die Motivation dies- und jenseits der Mauer möglich machen. Daß sich beide dank eines vereinten Deutschlands begegnen sollten, ist allerdings eine andere Geschichte. Aller Anfang war hier wie da die Tat!

mauer

Auf nach Berlin!

9. November 1989 in Hamburg-Neugraben. Ein Heimabend der Jungenhorte Störtebeker des Freibundes neigt sich gerade dem Ende zu. Wir haben gesungen, gebaut, gerauft und sitzen nun bei einer Tasse Tee im Gruppenraum zusammen. Da platzt auf einmal die Schwester unseres Hortenführers Jörgen herein und verkündet uns aufgeregt: „…die reißen die Mauer auf!“. […]

Ohne daß wir uns darauf einigen müssen, ist es für uns Ältere (Jörgen, Helge, Hans und ich) selbstverständlich, sofort nach Berlin zu fahren. Wir fahren mit Jörgens Geschwistern, die ein Auto haben zu sechst in die Stadt, auf die im Moment die ganze Welt schaut. Wir scheinen nicht die einzigen mit diesem Gedanken zu sein, denn am Grenzübergang staut sich der Verkehr stundenlang. Die Stimmung ist unbeschreiblich. Wir spüren den Wechsel des politischen Weltklimas, welches durch den Zusammenbruch des Ostblocks begonnen hat und dürfen ohne Paßkontrolle nach Berlin. […]

Nun ist es endlich so weit. Alle Grenzengpässe sind passiert und in der Nacht zum 10. November stehen wir vor dem Brandenburger Tor. Fremde Menschen umarmen sich, singen, weinen und lachen. Wir treffen gleich auf dem Mauersims andere Jugendbewegte, was sich dieser Tage häufig wiederholen sollte. Mit einer Hacke wird die Mauer angepickt. […]

Da sind wir natürlich sofort mit dabei und hämmern abwechselnd unter Mitwirkung vieler Passanten unter schwerem Wasserbeschuss aus dem Osten auf den extrem harten Beton ein. Nach acht Stunden am Morgen des 10. Novembers sind dann die Eisenstäbe des bearbeiteten Mauerstücks freigelegt und es kommt zu der durch das Fernsehen weltberühmt gewordenen Szene, in der das malträtierte Mauerelement nach Westen kippt. Wir versuchen heraufzuklettern. Es hat sich mittlerweile eine große Menschenmenge um uns gebildet, aus der auf einmal „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ertönt. Selbst ein paar Punker die dort stehen singen mit. […]

Die Stimmung ist trotzdem nach wie vor friedlich. Menschen reichen den Grenzsoldaten Rosen und Schokolade. Da melden sich unsere Mägen plötzlich zu Wort. Wir hatten ja die ganze Nacht über nichts gegessen, seit jener Tasse Tee in Hamburg. Es ist kalt, wir sind nass und Jörgens Geschwister die wir im Gedränge verloren haben, sind schon wieder abgefahren. Natürlich hat keiner von uns Geld mit. In einer nahe gelegenen Kaufhausgaststätte wärmen wir uns ein wenig auf und ein jeder hat mit der Müdigkeit zu kämpfen. Da kommt eine ältere Dame auf uns zu und fragt mich: „Ihr seid wohl nicht von hier wie?“ müde nickend beantworte ich die Frage. „Ihr ward wohl die ganze Zeit an der Mauer?“ Sie schaut mich gütig an und öffnet ihre Handtasche dabei, aus der sie mir zwanzig Mark reicht. „Hier, für Euch.“ sagt sie und verabschiedet sich. Das reicht für viermal Bratwurst und Kaffee. Später verteilt eine Schokoladenfirma für eine Millionen Mark umsonst Schokoladentafeln in der Öffentlichkeit. Dieses Gefühl der Solidarität und der Herzlichkeit ist in dieser Zeit überall zu vernehmen. Die Moral ist wieder da und wir treffen auf weitere Freibünder, die bis zum Abend immer zahlreicher werden, bis schließlich nahezu alle älteren Freibünder des Bundes an diesem schicksalhaften Wochenende in Berlin sind. Es folgen gemeinsame Aktionen mit Transparenten, Gesang und endloses Umherschweifen durch eine Stadt, die ihr Glück nach 40 Jahren Trennung noch gar nicht fassen kann. […]

(von wollo, aus na klar!, Nr. 117, 2009)

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Hinaus auf die Straße!

[…] Die Woge der Demonstranten wuchs mit jeder Woche. 30.000 waren es an jenem Donnerstagabend, die nun schon in gewohnter Weise ihren Zug an der Johanniskirche in Gera begann. Etwas völlig Unglaubliches aber sollte in dieser Nacht geschehen: Als ich – euphorisch von der Kundgebung – nach Hause kam, herrschte eine aufgeregte Stimmung in der Familie. Soeben hatte Schabowski auf einer Pressekonferenz sonderbar vieldeutige Dinge von sich gegeben. Es ging wieder einmal um das Thema einer geplanten Reiseregelung für DDR-Bürger in den Westen. Schabowski druckste herum und ließ sich manche Antworten regelrecht aus der Nase ziehen. Es sah danach aus, als würde es bald möglich sein, auf Antrag mit Genehmigung in den Westen reisen zu dürfen. – Phantastisch!

„Phantastisch“ aber war gar kein Ausdruck für das, was jetzt kam: Plötzlich flimmerten Bilder über die Mattscheibe, die uns in lauten Jubel versetzten. Da hatten sich wirklich in Ost-Berlin spontan an verschiedenen Grenzübergängen Leute versammelt, die versuchen wollten, jetzt schon – ohne Genehmigung- nach West-Berlin zu gelangen. Irgendwann ließ man sie einfach passieren. Kein Schuß fiel, kein Grenzer verlor die Nerven. Freudetaumelnd stolperten sie über die Todesgrenze, zu Hunderten. Der 9. November ging in die Geschichte ein.

Noch ein Tag Schule, dann sollte ich zum ersten Mal mit Eltern und Schwester auf der anderen Seite des Brandenburger Tores stehen dürfen – eingekeilt inmitten tausender freudetrunkener Landsleute. „Die Einheit Deutschlands ist doch jetzt das nächste Ziel?“ fragte mich der Student aus Mannheim. Ich war verblüfft. Daran hatte ich noch gar nicht zu denken gewagt. Wir waren alle noch so genügsam in unserem Glück. Freilich ist es dann alles so gekommen, aber das ist doch eine lange Geschichte …

(von bresl, aus Dämmerung, Nr. 6/7, 2000)

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Wie habt Ihr die Wende erlebt? Schreibt uns einen Kurzbericht an buendische-vielfalt(at)gmx.de

1 Kommentar - Kommentar schreiben
  1. Sven Stemmer sagt:

    Ich war ein wenig zu jung um irgendwo hinzufahren. Ich musste mich mit den Fernsehbildern begnügen. Die hatten mich allerdings bewegt. Mein Eindruck, gleichwohl ich mir zuvor natürlich kaum Gedanken über diese Frage gemacht hatte (aufgrund des Alters) war, das nun ist sicherlich richtig.
    Allerdings lässt mich solche Euphorie eher skeptisch zurück. Diese Einheit ist eher Auftrag denn Geschenk und bislang uneingelöst.

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