Jugendbewegte Impulse: Unternehmen & Unternehmer

von bjo:rn

Ende letzten Jahres hatten wir angekündigt, einige jugendbewegte Impulse, insbesondere jene, die in die heutige Zeit hineinragen, näher vorzustellen. Daß diese Rückblicke niemals erschöpfend sein können, sollte jedem klar sein. Dies ist schon allein darin begründet, daß wir das Bleibende – heute würde man sagen: den nachhaltigen Wert – in den Vordergrund stellen.

Nachhaltiger Wert“ könnte auch als grobe Maxime für jugendbewegte und lebensreformerische Unternehmen herhalten. Hierbei unterscheiden sie sich wohl von vielen anderen, denen es weniger um gesellschaftlichen Nutzen als vielmehr um individuelle Gewinnmaximierung geht. So sind jugendbewegt initiierte Firmen eher im klein- bis mittelständischen Bereich vertreten und zudem stark von einzelnen Persönlichkeiten und deren idealistischer Motivation abhängig. Dennoch haben einige davon die Zeit überdauert.

Die Anfänge des Wandervogels um die Jahrhundertwende gingen einher mit einem enormen wirtschaftlichen Aufschwung im Wilhelminischen Kaiserreich. Diese Umwälzungen sorgten teilweise für tiefe gesellschaftliche Verwerfungen insbesondere in den Großstädten. Das Problem der um sich greifenden Alkoholsucht wurde im Roman „Helmut Harringa“ vom Lebensreformer und Meißnerfahrer Hermann Popert anschaulich, wenn auch im Duktus seiner Zeit, beschrieben. Die Abstinenz, der Verzicht auf Alkohol, war nicht nur Impuls für das Fest auf dem Hohen Meißner, sondern auch stetes Thema in den frühen Schriften des Wandervogels und der Reformbewegungen. So ist es auch nicht verwunderlich, daß die vom Naturheilkundler Friedrich Eduard Bilz erfundene „Bilzbrause“, die ab 1905 unter dem Namen Sinalco (sine alcohole: ohne Alkohol) firmierte, in vielen Wandervogelschriften für den alkoholfreien Trinkgenuß warb.

Weitaus größere Verbundenheit zur Jugend- und Reformbewegung weisen natürlich jene Unternehmen auf, die aus den Bewegungen und Gemeinschaften selbst heraus entstanden sind. Dies trifft beispielsweise für zwei Getränkeunternehmen zu, die beide als kleine Siedlungsprojekte für den Eigenbedarf starteten und nun ganze Regionen und Märkte mit frischen Säften und biologischen Mischgetränken versorgen. Auf den Seiten des ersten Unternehmens steht:

„EDEN entstand am 28. Mai 1893 in Oranienburg bei Berlin, als 18 Vegetarier eine Obstbausiedlung unter diesem Namen gründeten. Die Siedlung wurde auf einem kargen, sandigen Boden erbaut, der durch das Auftragen von vielen hundert Tonnen “Pferdeäppel” aus Berliner Straßen im wahrsten Sinn des Wortes “aufgepäppelt” werden musste. Die Fleißarbeit gelang und die Obstbausiedlung entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zur erfolgreichsten Siedlung ihrer Art, eingetragen in das Oranienburger Genossenschaftsregister als „Vegetarische Obstbaukolonie EDEN e.G.m.b.H.““ (www.eden.de)

Aufgrund der Enteignungen in der DDR wurde als Ableger die EDEN Waren GmbH mit Sitz in Bad Soden (Taunus) gegründet. Im märkischen Sand verblieben die 1000 Einwohner der Siedlung und die gleichnamige Genossenschaft. Die dort unter Aktuelles einsehbare Veröffentlichung wirkt geradezu satirisch, wenn man sich die leicht beschürzte und so ganz unvereinsmeierische Gründergeneration vor Augen führt:

Ab sofort haben Sie die Möglichkeit Einsicht in die Jahresabschlussunterlagen 2011 der Eden Genossenschaft, der Eden Siedlung-Verwaltungs GmbH und der EdenNaturBau GmbH i.L. zu nehmen. Melden Sie sich dazu bei Frau Schulz im Sekretariat an.“

Wir schweifen ab. Etwas später gegründet und im Umfeld des Wandervogels entstanden ist die Siedlung von Karl und Margret Voelkel. Noch heute ist die Gründung auf den Seiten des Familienunternehmens in dritter Generation festgehalten:

„In den 20er Jahren siedelten Karl und Margret Voelkel als Pioniere im Geiste der Wandervögel auf den Höhbeck, einen dünn besiedelten Landstrich an der Elbe. Sie pflanzten zunächst Apfel-, Birnen- und Kirschbäume sowie Erdbeeren, Johannisbeer- und Stachelbeersträucher in ihrem Obstgarten an und bewirtschafteten ihn nach anthroposophischen Gesichtspunkten.“ (www.voelkeljuice.de)

Margret Voelkel schrieb in ihren Lebenserinnerungen über diese Anfangsjahre:

„Aber der Alltag und die Wirklichkeit waren fordernd, um es kurz zu sagen: So auf Romantik aufgebaut, entbehrte dieses Unternehmen jeder realen Grundlage.“ (Höhbeck, Lebenserinnerungen der Siedler Karl und Margret Voelkel, Hattstedt 1988, 2. Auflage)

Beide Unternehmen wurden einst auf armen, sandigen Böden gebaut. Heute genießen wir aus gekühlten Flaschen Säfte, Schorlen, Piña Coladas und Sex on the beach – alles bio, versteht sich.

1900 wurde mit der Gründung des ersten Reformhauses in Wuppertal frühzeitig manifestiert, daß es der Reformbewegung darum ging, ihre reformierten Lebens- und Ernährungsweisen der Gesellschaft, insbesondere zum Kauf, anzubieten. Dieses Angebot wurde dankend angenommen, und bis heute haben sich mehrere tausend Filialen unter dem Dach der neuform – Vereinigung Deutscher Reformhäuser zusammengefunden. Die Übergänge von Lebensreform und Jugendbewegung waren zu damaliger Zeit noch fließend. Der spätere Wandervogel und Inflationsheilige Muck-Lamberty arbeitete als Sechzehnjähriger in einem Stuttgarter Reformhaus, leitete später sogar eine Filiale in Brünn und kam über die sogenannten „Esslinger Sieben“ mit den Ideen der Reform- und Jugendbewegung in Kontakt. Reformhäuser dienten auch als Kontaktbörse und unterschieden sich seit ihrer Gründung durch die Vielfalt der angebotenen Produkte von den heute üblich gewordenen Bioläden. Neben Lebensmitteln werden hier unter anderem auch Körperpflegeartikel, Naturkosmetika und –heilmittel angeboten. Im Umfeld dieser reformierten Kaufhäuser haben sich verschiedene Unternehmen gehalten, die ihre Ursprünge bis in die Reformbewegung zurückdatieren können. Die Natura Werke sind beispielsweise natürlich seit 1901, und der Ursprung der Kosmetikmarke und des gleichnamigen Hauses Diaderma geht auf das Jahr 1905 zurück. Die seit den 70er Jahren mit dem Diaderma Unternehmen verbundene Marke Arya Laya gilt seit jeher als Kosmetikhausmarke aller Reformhäuser und warb auch frühzeitig in jugendbewegten Schriften. Denn schon damals galt auch und gerade auf Fahrt: „…das Fundament Ihrer Gesundheit ist und bleibt tägliche ARYA LAYA Körperpflege.“

Nicht alle Firmen, die in jugendbewegten Schriften warben, waren der Jugend- oder Reformbewegung zuzurechnen, gleichwohl schienen sie in dieser einen geeigneten Kundenkreis zu sehen. So warb Knorr für seine Erbswurst: „…, wenn es auf Wanderungen und Touren eine schmackhafte, warme Mahlzeit geben soll.“ Die Konkurrenz erwiderte: „Wandervögel! bereiten sich auf Märschen beste nahrhafte Suppen und kräftige Bouillon mit MAGGIs Suppen Bouillon-Würfel“. Das Farbunternehmen Pelikan ließ sich 1904 vom lebensreformerischen Maler Fidus einen Katalog illustrieren und warb auch 30 Jahre später noch in jugendbewegten Schriften. Der Wandervogel und Zeichner A. Paul Weber illustrierte 1913/1914, entgegen den abstinenten Ideen seiner Zeit, u.a. für Hoehl Sekt und die heute sehr bekannte Sektkellerei Söhnlein. Diese Werbung fand sich jedoch weder neben Sinalco noch in jugendbewegten Schriften und ist daher allenfalls ein kleiner Gruß an alle proseccoliebenden Gesellen gedacht.

Zuguterletzt soll es um jugendbewegte Personen gehen, deren Ideen und Unternehm(ung)en bis heute spürbare Wirkung zeigen. Der Unternehmer  Alfred Toepfer dürfte in jugendbewegten Kreisen unter anderem deswegen bekannt sein, weil er als einziger Meißnerfahrer von 1913 auf einem der Jubiläumsfeste 1988 eine Rede hielt. Sein in Hamburg ansässiges und weltweit agierendes Unternehmen ist zwar heute nicht mehr in Familienbesitz, dennoch ist der jugendbewegte Geist des Gründers, der sogenannte „Toepfer spirit“, beim Agrarunternehmen Alfred C. Toepfer International (ACTI) weiterhin spürbar. Alfred Toepfer engagierte sich neben und wohl auch dank seiner unternehmerischen Tätigkeit im Umwelt- und Naturschutz und als Stifter.

Dem im grauen corps führend tätigen Max Himmelheber verdanken wir – insbesondere die IKEA-Generation – die Erfindung der Spanplatte. Die damit einhergehende Nutzbarmachung von bisherigen Abfallprodukten wie Späne und Erhöhung des Verwertungsgrades ist ein gutes Beispiel für die Symbiose von unternehmerischem und gesellschaftlichem Nutzen. Mit Karl Kübel hat ein anderer jugendbewegter Unternehmer in der Möbelbranche seinen Anspruch wie folgt formuliert:

„Ich wollte kein verrufener Unternehmer sein, der nur darauf achtet, daß die Firma wächst. Ich wollte zeigen, daß ein Unternehmer auch ein guter Mensch sein kann.“

So ist es auch nicht verwunderlich, daß er sein Vermögen in der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie einbrachte. Ähnlich engagiert zeigte sich auch der Kaffeeunternehmer und Pfadfinder Klaus J. Jacobs. Das einst vom Pfadfinder Ulrich Dausien gegründete Unternehmen Jack Wolfskin sorgte dagegen vor einigen Jahren auch in Pfadfinderkreisen für Verstimmung, da es die Nutzung der Tatze auch Privatleuten und Bastlern verbieten wollte.

Doch sehr viele Unternehmen und Ideen überstanden die Zeit nicht. Hierbei ist zu bedenken, daß das letzte Jahrhundert nicht nur zwei Weltkriege sondern etliche Systeme und teils konträre Gesellschaftsordnungen hervorbrachte. Die Unternehmen und Unternehmer mußten sich anpassen, ihre Geschäfte verlagern oder ihre Geschäftstätigkeit gänzlich aufgeben. In den Werken des Unternehmers Friedrich Emil Krauß (Wandervogel e.V., Vorsitzender der Bundeskanzlei Hartenstein) wurden vornehmlich Waschmaschinen aber auch die sogenannte „Volksbadewanne“ hergestellt. Im Laufe des Krieges wurden die Werke zum „Nationalsozialistischen Musterbetrieb“ ernannt und auf Rüstungsproduktion umgestellt. 1945 wurde daraus ein „Volkseigener Betrieb“ (VEB), und Krauß wurde von den Sowjets verhaftet, 1950 zu zwölf Jahren Haft verurteilt und nach neun Jahren Zuchthaus in die Bundesrepublik überwiesen. Das damalige Urteil wurde kurz nach der Wende und gleichwohl 15 Jahre nach seinem Tod aufgehoben.

Auch die von Krauß gegründete Bundeskanzlei Hartenstein würde eine genauere Betrachtung verdienen, da hier erstmalig versucht wurde, über die herkömmliche bundeskrämerische Tätigkeit hinausgehende Strukturen wie eigene Versicherungen, Verlage und Banken zu errichten. Dieses Vorhaben scheint wie so vieles in den Wirren der Inflationsjahre untergegangen zu sein.

Die weiterreichende Darstellung von anderen Unternehmen wie den vielen bundeseigenen Rüsthäusern, den eigenständigen Ausrüstungsherstellern, den Verlagen, Burgen und weiteren jugendbewegten Projekten möchte ich gerne anderen überlassen. Auch das Wirken und Schaffen von Personen wie dem Glaskünstler Richard Süßmuth (Schlesische Jungmannschaft innerhalb der Deutschen Freischar) oder dem Instrumentenbauer Peter Harlan (Altwandervogel) ließen sich eher unter dem Fokus jugendbewegten Handwerks zusammenfassen. Wagt man den Blick über den Ozean, so läßt sich feststellen, daß scoutistisch beeinflußte Unternehmer wie Bill Gates, Richard Branson, Steve Fossett oder Henry Ross Perot zwar sehr viel größere Unternehmen schufen, aber nicht minder spannende Persönlichkeiten und Stifter sind. Aber auch dies ist eine andere Geschichte, die mit jugendbewegten Unternehmen nicht viel gemein hat.

Wer selber einen wichtigen Impuls der Jugendbewegung ausgemacht hat und diesen kurz vorstellen möchte, wende sich gerne an die Redaktion. Das gleiche gilt natürlich für Nachträge und Ergänzungen zum vorgestellten Thema. Weil es inhaltlich so schön paßt, hier noch ein Hinweis zur nächsten Ringvorlesung am 8. September 2012 auf Burg Ludwigstein, auf der ein heutiges, jugendbewegtes Unternehmen vorgestellt wird.

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