zwölfdreizehnschnipseleien | ausklang

Mit den folgenden Schnipseln wird unsere Reise durch die Jahrhunderte ihr Ende finden. Napoleon zog Ende 1813 geschlagen nach Paris, der Freideutsche Jugendtag ward begangen, und die Freischaren und Meißnerfahrer bereiteten sich vor 200 und 100 Jahren wohl längst auf das Weihnachtsfest vor.

oktober 1813 ff

Napoleon verläßt für immer deutschen Boden, und Graf Wrede bekommt vier Orden für eine Niederlage.

Der Kaiser der Franzosen und Protektor des Deutschen Rheinbundes entschied am Abend des 18. Oktober 1813 in Leipzig, die Schlacht abzubrechen und mit Beginn des folgenden Tages den Rückzug nach Westen zum Rhein anzutreten.

Der Abfall Bayerns als Verbündeter am 8. Oktober 1813 und der darauffolgende Untergang sächsischer und württembergischer Truppen am 18. Oktober 1813 vor Leipzig bedrohten die Existenz seiner ganzen Armee. Die Alliierten kamen seinem Entschluß entgegen, indem sie die Stadt Leipzig nicht vollständig einschlossen.

Generalissimus Fürst Schwarzenberg begründete diesen Entschluß so: „Ein zu stark bedrängter Gegner kann in rasende Verzweiflung verfallen. Ihm muß daher ein Ausweg gezeigt werden!“ Angesichts der sehr hohen Verluste auf beiden Seiten fand diese Überlegung ungeteilte Zustimmung der alliierten Monarchen.

Der Rückzug der Truppen Napoleons aus der Stadt verlief über die Elsterbrücke am Ranstädter Tor. Die Franzosen und ihre Verbündeten zogen sich kämpfend zurück, da bereits Preußen und Russen nach Leipzig eingedrungen waren. Russische Jäger zu Fuß sickerten einzeln bis zur Elsterbrücke durch und nahmen den Übergang unter Gewehrfeuer.

Der französische Brückenkommandant hielt das bereits für den erwarteten Durchbruch der Alliierten und befahl die dafür angeordnete Sprengung der Brücke. Die Pulverfässer, auf einem Kahn verladen und unter der Brücke befestigt, wurden ohne Warnung an die übersetzenden Truppen per Lunte gezündet. Etwa ein Drittel der Franzosen und ihrer Verbündeten waren durch den Einsturz der Brücke vom Rückzug abgeschnitten und gingen in Gefangenschaft.

Mit etwa 60.000 kampffähigen Soldaten marschierte Napoleon die Via Regia (Breslau-Mainz) entlang zum Rhein. Die Bayern versuchten auf Befehl Schwarzenbergs, bei Hanau ihrem ehemaligen Dienstherren den Weg zu verlegen und damit ihre neue Bündnistreue zu den Alliierten unter Beweis zu stellen. Die Schlacht am 30. und 31. Oktober 1813 ging für die Bayern verloren, und der Kommandant, Graf Wrede, wurde dabei schwer verwundet.

Napoleon wurde die Vermutung nahegebracht, Wrede hätte an der Spitze seiner Bayern den Tod gesucht. Immerhin war Wrede Großoffizier der französischen Ehrenlegion und durch Napoleon zum Grafen erhoben worden. Später verliehen die Österreicher und Russen Wrede gleichzeitig, trotz der Niederlage, vier ihrer höchsten Orden – ein einmaliger Vorgang!

Noch am 31. Oktober 1813 zog Napoleon in Frankfurt am Main ein, wo er bis zum Folgetag verblieb. Der „Sieg von Hanau“ wurde groß herausgestellt, und 20 erbeutete Feldzeichen wurden von Leipzig und Hanau nach Paris abgesandt. Den letzten großen Empfang auf deutschem Boden bereitete ihm der Reichsfreiherr von und zu Dahlberg, Großherzog von Frankfurt am Main und Fürstprimas des deutschen Rheinbundes. In dessen Residenz in Mainz hielt sich Napoleon vom 2. bis 8. November auf. Die Zeit wurde vorrangig genutzt, um die französischen Truppen zu sammeln und die noch verbliebenen Verbündeten (bis zur erhofften Wiederkehr) zu verabschieden.

Der Vortrab russischer Kosaken hielt sich immer einen Marschtag entfernt auf, die Hauptkräfte der Alliierten folgten mit drei bis vier Tagesmärschen Abstand.

Napoleon sollte nunmehr ungestört deutschen Boden verlassen. Der Übergang über den Rhein vollzog sich geordnet am 08. November 1813, von elf Uhr vormittags bis acht Uhr abends.

Am 18. November 1813 hörte der Deutsche Rheinbund auf zu bestehen. Fürstprimas Dahlberg ging in das vorläufige Exil der Schweiz. Der Wiener Kongreß bewilligte ihm später die Rückkehr und ein lebenslanges Jahresruhegeld in Höhe von 100.000 Gulden.

 

Napoleons Schicksal vom November 1813 in Kommentaren von Geistesgrößen seiner Zeit

Goethe, von Napoleon ausgezeichnet mit dem Orden der Ehrenlegion, widmete seinem einst idealisierten „Verkünder einer neuen Zeit“ einen poetischen Nachruf nach dessen Abzug über den Rhein. Dieser endet mit den Worten:

„… Die Völker gaffen, reden, wähnen viel – was wollen sie denn andres als ein Spiel?

Die falsche Welt, sie buhlt um unseren Schutz, um unsere Gunst, sogar um unseren Platz,

und machst du je dir den Geliebten gleich, nicht Liebe genügt, er will das Königreich.

So war auch dieser! – Und nun sprich es aus:

Dein Leben trugen sie mit ihm hinaus.

Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag,

ein letztes Glück und einen letzten Tag.“

Hegel urteilte mit Verachtung über den Frontwechsel der Bayern gegen Napoleon: „Unter den entsetzlichen Jubelrufen hat in Nürnberg der Pöbel die Österreicher hereingeholt … Niederträchtiger kann die Gesinnung und das Betragen der Bürger nicht vorgestellt werden.“

Reichsfreiherr von Stein über die Panik bei den gekrönten Vasallen Napoleons: „Was sagen Sie zum Betragen dieser Elenden? … Sie sind besser behandelt worden, als sie es verdienen! … Alle diese Prinzlein sind schwache Leute, denen man ein ein viel ehrenvolleres Dasein zugesteht, als sie durch ihr erbärmliches Betragen verdienen … Ihre Souveränität zu erhalten, die aus Aufgeblasenheit, Genußliebe, Herrschsucht besteht, hat sie ja nichts gekostet als das Blut der Untertanen.“

Schelling prophezeite: „Ich glaube, Napoleons Ende ist noch nicht sehr nahe. Verstehe ich etwas, so wird er noch aufgespart: Sind alle seine Helfer abgegangen, so wird er noch leben, um den Kelch der Demütigung bis auf die Hefe auszuleeren.“

Quelle: “Napoleon” von Emil Ludwig, Ernst Rowohlt Verlag Berlin, 1930, Seiten 445 bis 447.

 

 

oktober 1913 ff.

Nach dem Ersten Freideutschen Jugendtag

Die Jugendbewegung hatte auf dem Meißnerfest ihre Taufe erfahren. Viele Verbindungen wurden enger. So schloß sich beispielsweise die Jenaer Burschenschaft Vandalia als Freischar Jena II der Deutschen Akademischen Freischar an. Andere Verbindungen hielten dagegen nicht stand. Schon auf der Freideutschen Tagung in Marburg (März 1914) trennte sich die Freideutsche Jugend von Gustav Wyneken und den Volkserziehern um Paasche und  Popert (Vortrupp). Sogar die Meißnerformel wurde zu diesem Zeitpunkt schon in Frage gestellt und ersetzt. Die Reaktionen in der Presse fielen unterschiedlich aus. Es überwog der Zuspruch und die Zuversicht, teilweise äußerste man sich kritisch zu Details oder Einzelpersonen. Anderorts überwog aber deutlich die Kritik am Treffen auf dem Hohen Meißner. In Bayern eskalierte die Situation, so rief im Bayrischen Landtag ein Zentrumsabgeordneter bezüglich der Freideutschen Jugend aus „Nur immer feste druff!“ Man verbot sogar eine zeitlang den Wandervogel und sein Liederbuch den „Zupfgeigenhansl“. Den wesentlichsten Einschnitt brachte allerdings der sich schon anbahnende Erste Weltkrieg mit sich.

Ende 1913 resümierte man in der Presse:

| Berliner Tageblatt am 17. Oktober 1913

„Ein kalter Oktoberwind trieb dunkle Wolken über das Gebiet des hohen Meißners, und nur schüchtern wagte sich von Zeit zu Zeit die Sonne hervor. Was kümmert die neue Jugend, die da oben auf dem Berg feiert, der Wind, was die schwarzen Wolken, wenn man die Sonne der Zukunft sieghaft durch die schwarzen, schweren Wolken der Gegenwart sich durchkämpfen sieht? Eine gesunde, kräftige Jugend war dort oben zusammengekommen, eine Jugend die sich stolz freideutsche Jugend nennt. Junge Männer, Schüler, Studenten und junge Mädchen feierten dort oben auf dem Berge den ersten freideutschen Jugendtag, der gleichzeitig ein Fest zur Erinnerung an die Zeit vor hundert Jahren sein sollte.  Ueber den äußeren Hergang der Feier ist an einer anderen Stelle dieses Blattes berichtet worden. Einiges Charakteristisches, was uns Aelteren auffiel, mag aber noch erwähnt werden.

Nicht mit Fanfarentönen und Hurrageschrei feierte man die große Zeit, sondern im Sinne deutschen Ernstes. Was hat 1813 die Fremdherrschaft stürzen helfen? Der Wille. Das nur will die freideutsche Jugend, den Willen stählen und nicht nur an der körperlichen „Ertüchtigung“, wie man heute so schön sagt, arbeiten. „Werdet ganze Menschen, aber keine Uebermenschen,“ rief Traub dieser Jugend zu. […] “(Walter Assmus)

| Tägliche Rundschau (Berlin) am 14. Oktober 1913

„An mißtrauischen Zweiflern und warnenden Eckarden hat es diesem Erinnerungsfeste an 1813 nicht gefehlt. Schuld daran sind in der Hauptsache die hochtrabenden, verworrenen Sätze, die der Leiter der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, Dr. Wyneken, der „freideutschen Jugend“ in ihrer ersten Einladung bescherte, und die aufdringlichen Schildhalterdienste des „Anfang“, der die arrogante Kühnheit besitzt, in seinem Festheft zu schreiben: „Wo ist die Stimme, die den Klang dieses Festes fortleitet, wo der Herd, der das Feuer dieses Festes aufbewahrt?“ Der „Anfang“ will diese Stimme sein und dieser Herd. Das Programm des Freideutschen Jugendtages ist das Programm des „Anfangs“. – Wer den Gesprächen zugehört, das mitleidsvolle Lächeln auf den jugendlichen Gesichtern beobachtet, die eisige Kälte bei den werbenden, verheißungsvollen Anpreisungen des schwarzgelockten Herrn Siegfried Bernfeld gefühlt, die im umgekehrten Verhältnis zu der Unmasse von Werbenummern stehenden Bezugseinzeichnungen gesehen hat, der wird wirklich „ohne Suggestion“  (um das beliebte Schlag- und Kampfwort dieser beiden abgelehnten Jugendherolde zu gebrauchen) erkannt haben, daß Denken und Fühlen unserer deutschen Jugend doch noch gesünder, natürlich, jugendlich-wahrhaftiger sind, als diese Streitrufer es glaubten. Bereits die Rundsprache auf dem Hanstein ergab eine deutlich innere Ablehnung jenes ziellosen, die „dumpfen Instinkte und Gefühle“ kultivierenden, dünkelhaften und zersetzenden Geistes, der unserer Jugend das Mark aus den Knochen saugt. Und nur der „adligen Gesinnung“ und der Feststimmung dieser auf eine bald anwidernde Art bejammerten, bemitleideten und „schwer bedrückten“ Jugend ist es zuzuschreiben – darin sind wir einmal einer Ansicht mit den Wickersdorfer Jugendkultur-Aposteln -, daß ihr Führer seine Absicht das Fest demonstrativ zu verlassen, nicht ausführte. Daß er trotzdem das Bewußtsein, bei der übergroßen Mehrzahl den geistigen Zusammenhang verloren zu haben, nicht loswerden konnte, bewies seine „Festrede“, die so eine Art aus den wechselnden Gefechten der drei Festtage zusammengeschmiedetes unfestliches Festspiel nach Gerhart Hauptmann in Prosa war. – […]“ (Gotthard Erich)

| Central Anzeiger (Magdeburg) am 25. Oktober 1913

„Das in dieser neuen Jugendbewegung ein gesunder Kern steckt, hat der Verlauf der Tagung vollauf erwiesen. Markant waren vor allem die Begeisterung, mit denen die von deutschem Geist und deutschem Volksempfinden erfüllten Ansprachen aufgenommen wurden. Einen der älteren Führer der Jugendbewegung, der mehr oder weniger verklausuliert und eigenbrödlerisch vom Weltbürgerstandpunkt aus sprach, hörte man aufmerksam und achtungsvoll an, aber Widerhall fanden seine Worte nicht, und getreu dem Grundsatze der strengen Ausschaltung aller politischen Bestrebungen wies man auch einen Versuch, die Jugendbewegung ins Fahrwasser des Antisemitismus zu leiten, mit äußerster Schärfe zurück und erstickte ihn schon im Keime. Was praktisch in den Verhandlungen erzielt wurde, läßt sich in wenige Worte zusammenfassen: Uebereinstimmung in der Verpflichtung der Enthaltsamkeit vom Alkohol- und Nikotingenuß auf Wanderungen usw. und Begründung einer Zentralstelle für Förderung der gemeinsamen Bestrebungen. Von dem fröhlichen Treiben der freideutschen Jugend, die sich in Stärke von 2000 Köpfen zwei Tage lang auf dem Meißner tummelte, mögen die von uns reproduzierten Augenblicksbilder einen Begriff geben. Malerisch wirkten das gemeinsame Abkochen in der Schlucht sowie Einzelszenen daraus, und überaus anmutig und reizvoll waren auch die zwanglosen Lagergruppen, die deutsche Volkslieder zur Laute sangen, sowie die deutschen Reigentänze um de Tanzbaum auf grünem Rasen. Erfreulicherweise zeigten sich auch Magdeburgs Wandervögel beiderlei Geschlechts auf dem Hohen Meißner stark vertreten. […]“

| Neue Zürcher Zeitung (Zürich) am 26. Oktober 1913

„[…] Die Parteien, die sich als eigentlich staatserhaltend betrachten, packen das Problem der Jugendgewinnung von der militärischen Seite. Die Jungdeutschland- und Pfadfinderbewegung, die in ihren Anfängen so viel versprach, ist durch die Einmengung zu viel erwachsener Drillmeister zu einem Soldatenspiel mit törichten Aeußerlichkeiten geworden. Uniformen und Rangfragen spielen eine wichtige Rolle und der Geist eines öden Hurrapatriotismus, der schon bei den Großen von heute so arge Verwüstung anrichtet, geht bedrohlich um; er ist um so schädlicher, weil der Jugend die Waffe der Kritik noch abgeht und ihre Begeisterungsfähigkeit leicht zu mißbrauchen ist.

 

Die Umwerbung und Umschmeichelung der Jungen durch die Alten hat deren Respekt vor den Erwachsenen natürlich nicht erhöht. Kein Wunder drum, wenn in einem Teil der Jugend heute schon der Kampfruf ertönt: „Los von den Erwachsenen!“  Das herausfordernde Wort ist sogar schon in die Tat umgesetzt worden. Vergangene Woche zogen Scharen halbwüchsiger Wanderer beiderlei Geschlechts, untermischt mit etlichen „Großen“, bei regnerischem Wetter zum hohen Meißner bei Kassel und veranstalteten im Freien unter Spiel, Wettkämpfen, Tanz und Festreden eine Erinnerungsfeier an die Freiheitskriege vor hundert Jahren; diese Feier sollte zugleich den Beginn eines neuen Zeitabschnittes bedeuten. Die Teilnehmer an der Tagung, deren Beschluß eine Festaufführung der „Iphigenie“ unter freiem Himmel bildete, rekrutierten sich aus allen Altersklassen zwischen zehn und zwanzig und darüber; da waren die Deutsch-Akademische Freischar , der Bund abstinenter Studenten, die akademische Vereinigung Marburg und Jena, die Jenenser Burschenschaft Vandalia; dann die in Loden paradierenden rotbäckigen Knaben und Mägdlein vom Wandervogel und Jungwandervogel, der Bund deutscher Wanderer, der Schülerbund Germania, der Deutsche Bund für freie Schulgemeinden, u.a. Eine bunte Gesellschaft, die jedoch den Enthusiasmus für die Rousseausche Forderung der Rückkehr zur Natur, Wahrheit und Freiheit einte, daneben auch wohl noch das durch die geräuschvolle Veranstaltung geweckte Bewußtsein eigner Wichtigkeit; war man doch der Träger einer künftigen neuen Kultur und half, deren ersten Markstein setzen! […]“

Hinweis: Die vollständigen Artikel und weitere Artikel aus anderen Zeitschriften lassen sich hier nachlesen: Winfried Mogge/Jürgen Reulecke, Hoher Meißner 1913, Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1988, Seite 307-345

 

Die Wandervögel selbst resümierten dagegen so …

 

 


Buch 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts

Mir machen es kurz: Auf der vorletzten Seite des Buches von Florian Illies findet sich ein Gedicht von Marie Möller, welches Ende 1913 in der Beilage “Welt der Frau” zu finden war. Dort hieß es:

Drum laßt uns wirken spät und früh,
Daß uns das Jahr gelinge!
Daß jedem es nach Streit und Müh
Den Sieg und Frieden bringe.
Und daß des Weltkriegs Melodie
Nicht länger drohend schalle!
Daß bald auch sie in Harmonie
Wie Glockenklang verhalle.

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