Immer dort, wo es zischt und brennt

von Thies

Die Geschichte klingt abgedroschen: Ein junger deutscher Reporter findet „Opas Kiste“ und beginnt, sich mit dem „fiesen Nazi“ vom Dachboden zu beschäftigen. Ganz anders bei Lutz Kleveman. Der Enkel des preußischen Offiziers zieht selber aus, „das Fürchten zu lernen“, und kehrt mit einem differenzierten Bild von sich selbst und seinem Großvater zurück.

Bereits beim Betrachten des Umschlages wird klar, wohin die „Spurensuche“ von Lutz Kleveman führen soll. Drei Brüder im preußischen Rock und mit Schülermütze posieren im Garten. Ein Bild aus einer Zeit, mit der wir heute nur noch wenig verbinden können. Das Leid und die Kriege, die die Gebrüder Kleveman erleben mußten, sind unserer Generation, zumindest in Westeuropa, erspart geblieben. Doch Lutz Kleveman, der Enkelsohn des abgebildeten Hans-Heinrich, merkt nach Jahren des Journalismus in Krisengebieten, daß er genau wie sein Großvater Jahre im Krieg verbracht hat und ohne Krieg und Gewalt eigentlich nicht mehr leben könnte. Zieht er nicht genau so freudig in den Krieg wie sein Großvater?

So beginnt für Lutz eine intensive Beschäftigung mit dem ungeliebten Großvater. Dabei stand dieser für genau jene Dinge, die er selbst am damaligen Deutschland verabscheut. Militarismus, Nationalismus und Chauvinismus, all die Dinge, die Lutz Kleveman in seinem Großvater zu sehen glaubt, treiben auch ihn in die weite Welt, weg von Deutschland. Im Zuge des Buches wächst ein differenzierteres Bild. Zwischen seinen Erzählungen von lateinamerikanischen Drogenkriegen und Schießereien in Afrika kommt sein Großvater mit Berichten über die Fronteinsätze in den russischen Weiten zu Wort. So entsteht ein spannender Dialog zwischen den Generationen, der niemals langweilig wird. Besonders die selbstkritische Art von Kleveman überzeugt bis zur letzten Seite, vor allem da sie stets ohne falsche Betroffenheit daherkommt. Die vielen Jahre im Krieg zeichnen die Wahrnehmung des Autors.

Dennoch durchdringt die Zeilen der intensive Drang nach Ferne, Abenteuer und Freiheit, der einigen Lesern hoffentlich bekannt ist. „Der Journalismus, wie ich ihn ausgeübt habe, ist nichts für Erwachsene“, schreibt der Autor. Lutz Kleveman ist Jugend in Bewegung, Fernweh und Suche nach Gefahr. Ein spannender Wälzer zwischen Abenteuer, Politik, Witz und Geschichte.

Lutz Kleveman: “Kriegsgefangen. Meine deutsche Spurensuche”. Siedler Verlag, München 2011, 480 Seiten

Weitere Besprechungen bei taz und randomhouse


Willkommen , heute ist Montag, 16. Dezember 2019