zwölfdreizehn schnipseleien | dezember 12

dezember 1812

Im Zeichen der Konvention von Tauroggen

Der Dezember 1812 stand im Zeichen der russisch-preußischen Konvention von Tauroggen. In der Poscheruner Mühle schlossen Generalleutnant Graf York und Generalmajor Graf Diebitsch, der Generalquartiermeister des russischen Korps Wittgenstein, am 30. Dezember ein Neutralitätsabkommen über das preußische Hilfskorps der Großen Armee Napoleons. Damit wurden 20.000 Preußen dem Befehl des 10. französischen Armeekorps unter Marschall MacDonald entzogen. Yorks Hilfskorps war bisher die Nachhut des Marschalls gewesen und verteidigte unweit der kurländischen Hauptstadt Mitau links des Flusses Düna einen Frontabschnitt zwischen Riga und Friedrichstadt gegen die verfolgenden Russen. Den Russen unter Wittgenstein gelang zwischen dem 20. und 25. Dezember 1812 die Einschließung Yorks. Die Preußen hätten unter großen Verlusten und Zurücklassung ihrer Artillerie und des Trosses ausbrechen müssen. York wollte jedoch seinem König die Truppen in voller Kampfkraft erhalten. In einer Offiziersversammlung wurde die Herauslösung der Preußen aus der Großen Armee beschlossen. Preußens König Friedrich Wilhelm III. hatte am 29. Dezember lediglich die Weisung ausgegeben: “Handeln den Umständen entsprechend. Nicht über die Schnur hauen.” Napoleon, inzwischen wieder in Paris, veröffentlichte ein Manifest zum “Verrat der Preußen“, die Schuld trügen am Rückzug aus Rußland. Das Jahr 1813 werde jedoch mit neuen Truppen die Entscheidung bringen, versprach der Kaiser.

Folgende Ergänzungen erreichten uns, die wir hier gerne nachreichen:

Der Brief von YORK an seinen König FRIEDRICH WILHELM III.

An Seine Majestät den König. Tauroggen, den 30. Dezember 1812.

Durch einen spätern Abmarsch wie der Marschall, durch die vorgeschriebene Marschdirektion von Mitau auf Tilsit, bloß um den Rückzug der siebenten Division zu decken, durch böse Wege und endlich durch ungünstige Witterung in eine höchst nachteilige Lage versetzt, habe ich mich genötigt gesehen, mit dem kaiserlich russischen Generalmajor v. Diebitsch die Konvention abzuschließen, welche ich Euer Majestät hiermit alleruntertänigst zu Füßen lege.

Fest überzeugt, daß bei einem weiteren Marsch die Auflösung des ganzen Korps und der Verlust seiner ganzen Artillerie und Bagage ebenso unausbleiblich gewesen sein würde, wie bei der großen Armee, glaubte ich als Untertan Euer Majestät nur noch auf Allerhöchst Dero Interesse und nicht mehr auf das Ihres Verbündeten sehen zu müssen, für den das Korps nur aufgeopfert wäre, ohne ihm in seiner Lage noch wahre Hilfe leisten zu können.

Die Konvention läßt Euer Majestät in Höchst Ihren Entschließungen freien Willen; sie erhält aber Euer Majestät ein Truppenkorps, was der alten oder einer etwaigen neuen Allianz Wert gibt  und Allerhöchstdieselben nicht unter die Willkür Ihres Alliierten setzt, von dem Sie die Erhaltung oder Wiederherstellung Ihrer Staaten als Geschenk annehmen müßten.

Euer Majestät lege ich willig meinen Kopf zu Füßen, wenn ich gefehlt haben sollte; ich würde mit der freudigen Beruhigung sterben, wenigstens nicht als treuer Untertan und wahrer Preuße gefehlt zu haben. Jetzt oder nie ist der Zeitpunkt, wo Euer Majestät sich von den übermütigen Forderungen eines Alliierten losreißen könnte, dessen Pläne mit Preußen in einem mit Recht Besorgnis erregenden Dunkel gehüllt waren, wenn das Glück ihm treu geblieben wäre. Diese Ansicht hat mich geleitet. Gebe Gott, daß sie zum Heile des Vaterlandes führt.

                                                                                                           York

Quelle: Wortlaut des ersten Konzeptes des eigenhändigen Briefes Yorks. Veröffentlicht im Buch “York von Wartenburg – Ein Leben preußischer Pflichterfüllung” von Droysen, abgedruckt im Paul Franke Verlag Berlin (Antiquarische Originalausgabe) auf Seite 196.

 

Brief von York an seinen Vorgesetzten Marschall von Frankreich MACDONALD, Herzog von Tarent, Oberkommandierender des 10. Korps der Großen Armee:

Gnädiger Herr. Nach sehr mühseligen Märschen ist es mir nicht möglich gewesen, sie fortzusetzen, ohne auf den Flanken und im Rücken gefährdet zu werden. Dies hat die Vereinigung mit Euer Exzellenz verzögert, und da ich inzwischen die Alternative wählen mußte, den größten Teil meiner Truppen und alles Material, welches allein meine Subsistenz sichern konnte, zu verlieren, oder alles zu retten, so habe ich es für meine Pflicht gehalten, eine Konvention zu schließen, nach welcher die Sammlung der preußischen Truppen in einem Teile Ostpreußens, der sich durch den Rückzug der französischen Armee in der Gewalt der russischen befindet, stattfinden soll.

Die preußischen Truppen werden ein neutrales Korps bilden und sich gegen keinen Teil Feindseligkeiten erlauben. Die künftigen Begebenheiten, Folge der Verhandlungen, welche zwischen den Krieg führenden Mächten stattfinden müssen, werden über ihr zukünftiges Schicksal entscheiden.

Ich beeile mich, Euer Exzellenz von meinem Schritte in Kenntnis zu setzen, zu dem ich durch gebieterische Umstände gezwungen bin.

Welches auch das Urteil sein mag, das die Welt über mein Verfahren fällen wird, ich bin darüber wenig in Unruhe. Die Pflicht gegen meine Truppen und die reiflichste Erwägung schreiben es mir vor; die reinsten Beweggründe, wie auch immer der Schein sein mag, leiten mich.

Indem ich Ihnen, gnädiger Herr, diese Erklärung mache, entledige ich mich der Verpflichtung gegen Sie und bitte Sie, die Versicherung der tiefsten Hochachtung zu genehmigen.

                                                                                               York

Quelle: ebenda, auf Seite 197

29. Bulletin der Grande Armée

Der „Verrat der Preußen“ war gleichwohl nicht der einzige Grund für den anhaltenden Rückzug von Napoleons Truppen. Im Bericht namens „29. Bulletin der Grande Armée“ («Vingt-neuvième bulletin de la grande armée») konfrontierte der französische Kaiser die Öffentlichkeit erstmalig über die mißliche Situation in Rußland. Die am 3. Dezember in der weißrussischen Stadt Maladsetschna nahe Minsk aufgegebene Botschaft wurde am 17. Dezember 1812 in Paris veröffentlicht. Einleitend stellt die Nachricht fest „Bis zum 6. November ist das Wetter bestens gewesen“ (Jusqu’au 6 novembre, le temps a été parfait) um einige Sätze weiter mit der verstörenden Feststellung zu schließen „Die Gesundheit Seiner Majestät ist niemals besser gewesen“ (La santé de Sa Majesté n’a jamais été meilleure) In Rußland herrschten Anfang Dezember bis zu minus 37 Grad Celsius. Die Große Armee hatte zu diesem Zeitpunkt etwa 400.000 Mann verloren.

Das erste Märchenbuch der Gebrüder Grimm erscheint

Die handschriftliche Urfassung der Grimmschen Märchen wurde Clemens Brentano von Jacob Grimm schon 1810 vorgelegt. Doch bis zur Veröffentlichung in eigener Regie sollten noch 2 Jahre ins Land gehen. Kurz vor Weihnachten, am 20. Dezember 1812, erschien dann die erste Auflage jener Märchen, die von den Gebrüdern Grimm gesammelt und niedergeschrieben wurden. Die Herausgabe der ersten Version verlief etwas hektisch und so ist das Märchen „Der Fuchs und die Gänse“ im wahrsten Sinne des Wortes verloren gegangen.

Arnim von Armin, der die beiden maßgeblich zur Herausgabe überredete, gestand seinen zwei Freunden das Mißgeschick des Verleger wie folgt ein: „Reimer weiß nicht, wo es geblieben, ich vermuthe, daß es seine Kinder zerrissen haben, denn so gings mir neulich mit einem Brief, den er für mich erhalten. Ordnung ist nicht seine Hauptstärke.“

Die fehlenden Blätter wurden Tage darauf vom Verleger nachgeliefert und in der zweiten Auflage berücksichtigt.

 

dezember 1912

Pfadfinderbewegung in Österreich

Am 2. Dezember 1912 findet in der Johannes-Nepomuk-Kapelle in Wien eine große Pfadfinderversprechensfeier statt. Am 7. Dezember 1912 wird der “Verein zur Errichtung und Erhaltung eines Wiener Pfadfinderkorps” den Behörden gemeldet. Hieraus entsteht zwei Jahre später der Österreichische Pfadfinderbund (ÖPB).

Waffenstillstand und Botschafterkonferenz

Am 3. Dezember wird in der türkischen Stadt Tschataldscha ein vorläufiger Waffenstillstand im Ersten Balkankrieg von der Türkei, Bulgarien, Serbien und Mazedonien unterzeichnet. Auf der Londoner Botschafterkonferenz am 16. Dezember 1912 wurde die Loslösung Albaniens vom Osmanischen Reich von Europas Großmächten anerkannt. Durch Vermittlung dieser Großmächte kam es zwar Monate später doch noch zum Londoner Vertrag, durch den das Osmanische Reich weitere Gebiete in Europa abtreten mußte, dennoch brach kurze Zeit nach Vertragsschluß der Zweite Balkankrieg aus.

Literaturnobelpreis an Gerhart Hauptmann

An seinem 50. Geburtstag (geb. 15. November 1862) erhält der Bühnen- und Romanautor Gerhart Hauptmann nicht nur Geburtstags-Glückwünsche ausgesprochen. Per Telegramm erreicht ihn die Nachricht, daß ihm „vornehmlich für seine reiche, vielseitige, hervorragende Wirksamkeit auf dem Gebiete der dramatischen Dichtung“ der Nobelpreis für Literatur zuerkannt worden ist. Der Preis wird am 10. Dezember 1912, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, durch den schwedischen König feierlich übergeben.

Seine Nähe zu lebensreformerischen Ideen und Visionen ist beispielsweise in den Romanen Der Ketzer von Soana (1918) sowie Der Narr in Christo Emanuel Quint (1910) oder seinen Dramen Vor Sonnenaufgang (1889) oder Till Eulenspiegel (1928) erkennbar. In der Verkörperung Till Eulenspiegels läßt er Hans Paasche ausrufen: „Hör es, Sonne! Und höre es, Wald! Auch du, Erde, vernimm es! / Hört und rächt es, ihr Tiere und Geister des Feldes! Sie haben / meinen Bruder, den Evangelisten des Herrn erschlagen!“

Hauptmanns Festspiel in deutschen Reimen (1913) hat die Befreiungskriege von 1813 zum Thema, wird am 31. Mai 1913 in der Breslauer Jahrhunderthalle uraufgeführt, aber schon nach einigen Wochen abgesetzt, da es nach Ansicht der Obrigkeit nicht dem damaligen Zeitgeist entspricht.

Der Wandervogel zwischen Freiheit und Einheit

29. Dezember 1912: Auf dem Bundestag des Steglitzer Wandervogel e.V. wird die Auflösung des Bundes und der Übertritt in den angestrebten Einigungsbund (Wandervogel E.V.) beschlossen.

Der Jungwandervogel (JWV) verschließt sich den Einigungsbestrebungen und bleibt unabhängig. Dies liegt insbesondere an den unterschiedlichen Einstellungen zur Erwachsenenfrage.

Quelle: Kindt, Werner; Dokumentation der Jugendbewegung II; Der Wandervogel; 1968 Köln

dezember 2012

2. Dezember 2012 | Feierstunde mit ökumenischem Gottesdienst in Wien

100 Jahre – 1. Pfadfinder-Gelöbnisfeier 1912 (Wien): Die Georgs-Gilde Wien lädt zur Feierstunde mit ökumenischem Gottesdienst und Adventbesinnung in Erinnerung an die am 2. Dezember 1912 stattgefundene erste Pfadfinder-Gelöbnisfeier und Fahnensegnung der Erdberger Gruppen 1&2 in der Johannes Nepomuk Kapelle in Gersthof/Wien.

7.-9. Dezember 2012 | Spurensuche nach Hans Paasche

Vom 7. bis zum 9. Dezember 2012 ruft die Jugendbildungsstätte der Burg Ludwigstein zu einer Spurensuche nach Posen.

21. Dezember 2012 | Weltuntergang

Am 21. Dezember 2012 endet angeblich der Mayakalender, und wie man sich denken kann, gibt es ohne Kalender keine Zukunft. Aufgrund des daher zwangsweise anstehenden Weltuntergangs heißt es also vorsorglich Abschied nehmen und unseren Lesern für ihr ansteigendes Leseinteresse zu danken. Es war eine schöne Zeit in einer ambivalenten Welt. Laßt es uns beim nächsten Mal gleich von Beginn an besser machen. Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Tschüß und in lak’ech!

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