Der kokovore Sonnenmensch ist der Mensch, wie er sein soll.

Vom gescheiterten Imperium eines Kokosnußapostels

 von bjo:rn

„Unter den langen, weißen Wolken, unter der prächtigen Sonne, unter dem hellen Firmament…“ fährt die Prinz Waldemar 1902 in den Hafen von Herbertshöhe ein. Mit an Bord befindet sich der bärtige Aussteiger und selbst ernannte Kokovare August Engelhardt. Unter gleichem sonnengefluteten Firmament findet Engelhardt Jahre drauf sein End’. Soweit decken sich der Lebenslauf des echten Engelhardt und der literarischen Figur, die Christian Kracht in seinem Imperium skizziert.

Dank eines hetzerischen Artikels und dessen Erwiderung bekam der Kokosnuß-Roman schon vor Erscheinen eine größere Beachtung. Von solcher Aufmerksamkeit war der wahre und fiktive Engelhardt stets weit entfernt. Als Apostel mit einer überschaubaren Anzahl von Jüngern suchte er die Ferne des Pazifiks zur Verwirklichung seiner außergewöhnlichen Vision. Hierin unterschied er sich von anderen Reformern seiner Art, wie gustaf nagel, mit dem er einst leinentuchumschürzt die Heimat durchschritt. Jener war wie so viele in die Welt gezogen, hatte den Monte Verità bestiegen, auf der Suche nach der blauen Blume hatte er Centaurea cyanus und Cichorium intybus gepflückt, kehrte aber stets wieder heim. Engelhardt genügte ein „One-way-ticket“ für sein Glück im Unglück. Vom Eiland Kabakon aus galt es, ein pazifisches Fruktivorenreich zu gründen. Doch damit der Nahrungseingrenzung nicht genug. Die göttlichste aller Pflanzen, da waren sich Engelhardt und seine Mitesser im Sonnenorden sicher, war die Frucht von Cocos nucifera – die Kokosnuß.

„Jawohl, die Kokosnuß war, der köstliche Gedanke manifestierte sich ihm, in Wahrheit der theosophische Gral!“ Diese Erkenntnis ließ Kracht durch Engelhardt in der Aussage gipfeln: „Die offene Schale mit dem Fruchtfleisch und der süßen Milch darin war demnach nicht nur Symbol für, sondern tatsächlich Leib und Brot Christi.“ Entsprechend gestärkt ging er sein Werk an, es galt, sich seinen Garten Eden zu erschaffen. Als freiwilliger Robinson wich ihm sein einheimischer Freitag namens Makeli fortan nicht mehr von der Seite. Von ihm lernte er die Eigenarten des Inselvölkchens und der göttlichen Nuß, zum Dank griff er allabendlich in seinen prallen Bücherschrank und las dem kleinen Inselbuben daraus vor. Eine in der Tat bedenkliche Stelle des Romans, wird doch auch einem anderen vegetarischen Sonderling unterstellt, daß er jede Nacht ein Buch lese. Auch Engelhardt war des Nachts ein kleiner Messias geworden, zumindest an seinen literarischen Abenden fand er Gehör. Doch weder sein Kokosnußreich noch sein Sonnenorden erfuhren göttlichen Beistand. Seine wenigen Jünger entpuppten sich entweder als Schwindler oder Perverse oder wurden schlichtweg von Krankheiten und der Kokosdiät weggerafft. Einzig die Gestalt Engelhardts nahm noch lebend die Züge des Gesalbten an:

„Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille. Die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott.“ (Zitat vom echten August)

In Krachts Roman überlebte dieser seine vielfältigen Krankheiten, den Zweiten Weltkrieg und damit auch den anderen, stets im Buch mit eingewobenen „Heilsbringer“ seiner Zeit. Engelhardt kam letztlich sogar in den Genuß des modernen Unheiltrankes, sein Abschiedstrunk war eine „dunkelbraune, zuckrige, überaus wohlschmeckende Flüssigkeit“ vom Baume Cola acuminata – der Saft der gottlosen Colanuß. Ein flüssiges Plagiat der anderen Art, wenngleich nicht minder verdächtig. Das Ende des echten Engelhardt läßt sich weniger süß umschreiben. Im Jahre 1919 starb dieser ausgezehrt und von gescheiterten Ideen vernarbt auf Kabakon. Seine Himmelfahrt läßt sich nicht taggenau bestimmen, da er tot aufgefunden wurde, womöglich schon Tage und Wochen die langen, weißen Wolken, unter der prächtigen Sonne ruhlos am Firmament ziehen sah.

Ein kurzweiliger, sprachgewaltiger aber zugleich auch morbider Roman aus der untergegangenen Welt lebensreformerischer Prophezeiungen unter Faschismusverdacht. Eine Brieftaube aus dem Himmelreich ist mit folgender Botschaft bestimmt längst unterwegs: „Komm, edler Freund, Du bist zu gut für Berlin. Kultur und Europa sind Eintagsfliegen … und müssen untergehen! Europa-Vergiftung ist der Name unseres Leidens…“[1] Gute Besserung, Herr Diez! Besten Dank, Herr Kracht! Meinen Segen, Herr Engelhardt! Ein Heil der Kokosnuß!

 

Bücherkiste:

Christian Kracht: Imperium. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, ISBN 978-3-462-04131-6.

Marc Buhl: Das Paradies des August Engelhardt. Eichborn, Frankfurt a.M. 2011, ISBN 978-3-8218-6148-7.

August Bethmann und August Engelhardt, Dieter Kiepenkracher (Hrsg.): Hoch der Äquator! Nieder mit den Polen! Eine sorgenfreie Zukunft im Imperium der Kokosnuss: Erweiterte und kommentierte Neuausgabe mit 7 Abbildungen, davon eine in Farbe. BOD 2012, ISBN 978-3848204427.


[1] Entsprechend von August Engelhardt an einen befreundeten Arzt auf einer Postkarte notiert.

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