Die Zeit heilt Wunden – doch Narben mahnen

mauerstreifenVor genau einem Jahr berichteten wir vom Mauerbau und der daraufhin einsetzenden Fluchthilfe, an der sich etliche Gildenschafter wie selbstverständlich unter der Gefährdung ihrer eigenen Existenz beteiligten. Wieder ist ein Jahr ins Land gegangen – es ist sprichwörtlich mehr Gras über die einstige Grenze gewachsen. Der heutige grüne Streifen inmitten Deutschlands kann aber auch über 20 Jahre nach dem Mauerfall und 50 Jahre nach der Setzung des ersten Steins nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Freiheit ein zartes Pflänzchen ist.

Doch wie kam es damals in so kurzer Zeit zum Bau der Mauer? Ein Zeitzeuge wußte im Vorjahr zu berichten:

„Am 12. August 1961, einem Samstagabend, war ich mit einem Bundesbruder, der an der Humboldt-Universität eingeschrieben war, im Westen längs der Sektorengrenze zum Ostteil der Stadt unterwegs. Wir sind Stunden unterwegs gewesen, durch alle drei Westsektoren, vertieft in Gedanken um die Zukunft unseres Vaterlandes. Auffällig waren die ununterbrochenen Motorengeräusche, die von einem großen russischen Manöver rings um die Stadt zu hören waren.“

„… Ich hatte diesmal keine ruhige Nacht. Schon mit der ersten U-Bahn war ich wieder unterwegs in die Stadt, mein Freund hatte angerufen: Die ziehen einen Zaun durch die Stadt! Unter militärischer Bewachung durch Betriebskampfgruppen und Soldaten der NVA, die ja überhaupt nichts in der geteilten Stadt zu suchen hatten, zogen abkommandierte Arbeiter einen Stacheldrahtzaun rings um den freien Teil der Stadt. Plötzlich – über Nacht – war es für Ostberliner und DDR-Bewohner nicht mehr möglich, Westberlin zu betreten. Die U- und S-Bahnen verkehrten nicht mehr. Die Grenze wurde dicht gemacht. Ostberliner Studierende, die zum Wochenende im Westteil der Stadt gewesen waren, kehrten zum Teil in ihre Ostquartiere zurück, da sie ja weiter studieren wollten oder auch den zu erwartenden Wohnungsdurchsuchungen zuvor kommen wollten.

Das stellte uns im Westteil der Stadt unmittelbar vor das Problem, wenn notwendig Menschen zur Flucht zur verhelfen. Diese Aufgabe hat uns für Wochen so in Anspruch genommen, daß an den ordentlichen Studienbetrieb nicht mehr zu denken war. Weil mir keine Zeit zum Studieren blieb, wurde ich an der Freien Universität sehr bald exmatrikuliert. Den Bundesbrüdern in Österreich hatten wir zu verdanken, daß die benötigten Personaldokumente für unsere Fluchthilfe zur Verfügung standen. Sie zu besorgen, war damals meine Aufgabe. Obwohl zunächst alles reibungslos und erfolgreich ablief, erreichte uns eines Tages die Nachricht, daß wir aufgeflogen seien. Jemand von uns, jemand, dem wir Vertrauen geschenkt hatten, hatte uns verpfiffen. Um niemanden zusätzlich zu gefährden, haben wir diese Tätigkeit sofort eingestellt. Daß wenige Jahre später ein Verzeichnis aller unserer Namen und Adressen in die Hände der Staatssicherheit geriet, hatte Verhaftungen und Verurteilungen zur Folge.“

Rüdiger wurde bis zur Amnestie im Jahr 1976 nicht nur in den Fahndungslisten der DDR geführt. Während eines Schauprozesses wurde er in eigener Abwesenheit, ohne Gehör und Verteidigung, verurteilt. So war er wie viele seiner Mitstreiter gezwungen, nur mit dem Flugzeug aus Berlin ein- und auszureisen. Aufgrund seiner Vorsicht blieb er von weiteren Schikanen verschont. Eine unserer Gildenschwestern aus der gleichen Fluchthelfergruppe traf es härter: Längst fertig mit ihrem Studium und glückliche Lehrerin, wurde ihr ein Schulausflug in den Harz zum Verhängnis. Auf der Zonendurchfahrt kam es zur Verhaftung und zur anschließenden Kerkerhaft. Eine Klasse hatte ihre Lehrerin verloren. Ihr Vergehen: Fluchthilfe. Das Urteil: 8 Jahre Haftstrafe in Bautzen. Erst spät gehörte sie zu denjenigen, die von der Bundesrepublik „freigekauft“ werden konnten.

Und heute? Der einstige Todesstreifen hat sich scheinbar ins Gegenteil gewandelt. Wo einst Wachhunde und Schießanlagen die Menschen trennten, ist ein Lebensraum für Pflanzen und Tiere entstanden. Doch gleicht dieses grünende Band nicht auch einer Narbe, einer Wunde die langsam heilt und womöglich nie ganz verschwinden wird? Noch riechen wir die Blüten der Freiheit, doch wie zart ist dieses Pflänzchen?

Wir trauern am heutigen Tag um alle Opfer von ideologischen Hass und politischer Gewalt. Ebenso gedenken wir all jenen, die sich allen Gefahren und Befehlen zum Trotz, für die Wehrlosen und Entrechteten ihrer Zeit einsetzten.

„Nur freie Menschen können andern Freiheit lassen. Die Unfreien nehmen an ihren Mitmenschen Rache für die eigene Unfreiheit.“ (Karl Zeumer)


Willkommen , heute ist Samstag, 5. Dezember 2020