Kirschenfest 2009 „Jüdische Jugendbewegung – Jiddische Lieder“

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Published on: 5. Juli 2009

Daniel KempinAlljährlich findet auf der Jugendburg Ludwigstein zur Zeit der Sommersonnenwende ein überbündisches Kirschenfest statt. Auch in diesem Jahr zog es wieder verschiedene Jugendbewegte zum Motto „Jüdische Jugendbewegung – Jüdische Lieder“ auf die Burg.

von zwusel

Regen auf der Hinfahrt hinunter ins Werratal! Irgendwie gehört das für mich zusammen, Regen und das Kirschenfest. Aber egal – der Schlager von den händchenhaltenden Matrosen der Volksmarine wird lauter gedreht, die Vorfreude auf das nahende Kirschenfest kann auch der Regen nicht trüben! Oh Mann – Schlager!! Wer mich kennt, weiß, was ich durchmache…
Auf dem Platz angekommen, begrüßt uns eine johlende, gut gelaunte Schar von Zivis, Ex-Zivis und sonstigen jungen Burgmitarbeitern der Burg Ludwigstein. Ein wenig verwundert, daß sonst noch keine Zelte stehen, bauen wir von der Gilde die erste Kohte auf.

Für mich ist immer die Frage spannend, wer sonst so auf der Burg das Wochenende mit einem verbringen wird. Bei früheren Kirschenfesten gab es auf der Burg ja oftmals die die seltsamsten gleichzeitigen Belegungen. Den Vogel schoß damals das bebe-Fest ab – die Burg war rosa beflaggt… Dieses Jahr bevölkern gut angezogene Damen und Herren einer Forstverbindung die Burg. Immerhin kennen diese einen Wald von innen, wenngleich einige quietschgrüne Anzughosen schon „eigen“ sind. Aber egal, die Hauptburg interessiert uns für das Kirschenfest nicht, unser Platz ist draußen!
Nach einem fröhlichen Essen auf der Tribüne, das immer wieder mit einem munteren „Hallo“ für die Neuankömmlinge unterbrochen wird, verbringen wir den Abend unter sternenklarem Himmel mit einer wunderschönen Singerunde am Feuer. Es fasziniert mich immer wieder, wie so eine Runde verbinden kann: Wir sind ein wild zusammen gewürfelter Haufen Bündischer und doch verbinden wir mit vielen Liedern ähnliche Erinnerungen. Wo war das eine Lied in ähnlichen Situationen auf einer Fahrt gesungen oder das andere bei anderer Gelegenheit zersungen worden, das nun nach Jahren hier in dieser Runde wieder aufklingt? Erinnert sich noch jemand an „Banner, Zelte“?
Mich treibt dann doch irgendwann die Müdigkeit in den Schlafsack. Von ferne vernehme ich, daß noch bis in die frühen Morgenstunden gesungen wird.

Der kommende Tag beginnt gemütlich. Stephan begrüßt uns und stellt das Programm vor, das sehr vielversprechend klingt. Das Thema „Jüdische Jugendbewegung“ soll uns als erstes durch das Archiv führen, wo uns rosé anhand verschiedener Schriften den Werdegang der vielfältigen jüdischen Jugendbünde – von zionistischen „Blau-Weiß“-Wandervögeln bis zu assimilierten deutschnational-bündischen „Kameraden“ – näher bringt. Nach der Führung durch das Archiv bleibt noch etwas Zeit, um in alten Schriften jüdischer Gruppen vorsichtig selbst zu stöbern.

Unten auf dem Platz erklingen schon die ersten Klezmer-Melodien, gespielt von zwei Klarinetten und einem E-Baß. Bereits beim Proben kann man deutlich hören, daß dies nicht die erste Beschäftigung mit dieser Musik ist, zumindest spielt einer von den dreien schon seit längeren Jahren in einem Klezmertrio, ein anderer gewann bereits Preise beim Bundesjugendmusikwettbewerb. Nach der Archivführung geht es gleich weiter mit einer Liederwerkstatt mit jiddischen Liedern, geleitet von tolu und Rumpel (BdP).

Der Abend beginnt dann mit einem der beiden Höhepunkte: Das Theaterstück, das Stephan mit der jungen Burgbesatzung eingeprobt hat. Stephan hat einen für mich und die meisten Anwesenden bis dahin völlig unbekannten Helden entdeckt. Dieser verbindet passend wie kein anderer die Burg mit der jüdischen Geschichte, war er selbst doch in den 1920er Jahren mehrere Jahre lang Vorsitzender der Vereinigung Jugendburg Ludwigstein gewesen!
Karl Laabs steht am Anfang des Stückes vor der Spruchkammer und muß sich für sein Verhalten zur Zeit des Nationalsozialismus verantworten. Wer war dieser Karl Laabs, was für eine Rolle spielte er zu dieser Zeit? War er im Sinne des Entnazifizierungsverfahrens „schuldig“ oder „unschuldig“? Mit Blicken zurück in seine Vergangenheit kommen wir ihm langsam näher und erfahren schließlich, daß er unter höchster Gefahr mehreren Juden das Leben rettete. Durch die Aussage zweier von ihm geretteter Schwestern, wurde er schließlich für unschuldig befunden. Später erhielt er das Bundesverdienstkreuz, wurde posthum in Israel für seine Taten geehrt und in die „Allee der Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen. In dieser erhält man nur einen Platz, wenn man einem Juden unter Einsatz des eigenen Lebens und ohne Entgelt während der Shoa das Leben rettete. In späteren Jahren berichtete er, daß für ihn Hilfe und Stütze in jener schwierigen Zeit die bündischen Ideale waren, die für viele auch heute noch Gültigkeit besitzen. Musikalisch untermalt wird das packende Theaterstück von dem schon erwähnten Klezmer-Trio aus dem Freibund.

Nach dem Stück erfahren wir noch mehr über Laabs, da neben einem seiner Söhne ein Autor anwesend ist, der ein Portrait über Laabs Taten gezeichnet hatte und dessen Titel „like a sunshine in the darkness“ für das Theaterstück übernommen wurde.

Nach dem noch sehr spannenden Gespräch nehmen wir ein lecker schmeckendes koscheres Mahl zu uns – der leichte Regenschauer dabei kann uns den Appetit nicht verderben.
Frisch gestärkt treffen wir uns zu einem Liederabend mit Daniel Kempin. Dazu werden nicht nur die Gitarren vom Publikum ausgepackt, auch diesmal ein echter Baß – das neue bündische Modeinstrument, das bei keiner gelungenen Singerunde fehlen darf – ist mit von der Partie.
Daniel Kempin versteht es wie wenige seiner Zunft, das Publikum mitzureißen und bald singen wir aus vollen Kehlen hebräische und jiddische Lieder. Besonders die hebräischen haben es mir angetan, einige kenne ich aus schon aus meinem Jugendbund.
Später genieße ich es, den traurigen Balladen zu lauschen und erfreue mich besonders an einem der Lieder, das ergreifend und fröhlich zugleich ist und das Daniel Kempin mit einem seltenen Instrument (eine Mischung aus Sas und Bouzouki), dessen Herkunft ihm selbst unbekannt ist, begleitet.

Nachdem einige gute Menschen das nächtliche Spülen in der Zelterküche erledigt haben, belohnen wir uns mit Kaffee und Kakao. Weil es ja schon sehr romantisch in dieser Zelterküche ist, wenn das rote Warnlicht leuchtet, bleiben wir gleich und setzen uns zu einer schönen und fröhlichen Singerunde nieder. Erst in den frühen Morgenstunden geht es mit dem Vogelgezwitscher und für mich um diese Zeit entsetzlich-fröhlichen Morgenliedern auf den Lippen für ein paar Stunden in den Schlafsack.

Alles im allem war es für mich eines der schönsten Kirschenfeste. Nach diesem Wochenende weiß ich wieder, warum ich bündisch bin und daß die Jugendbewegung nur in ihrer Vielfalt besonderen Wert hat!

zwusel


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