Riding the Rails

„Ein Tramp ist überall zu Haus, muß in die Welt hinein.“

von Thies

Mit dieser bekannten Liedzeile verknüpfen wir Jugendbewegten oft die Fahrt in die weite Welt und die Abenteuer, die uns dabei erwarten. Doch nicht immer war der Begriff Tramp so eng mit unseren Freizeitvergnügungen verknüpft. Ein Tramp kann ursprünglich als ein Landstreicher bezeichnet werden, dessen „Heimat“ fest auf der Landstraße zu verorten ist. Er ist in der Regel ein Mann, der sich lieber durch kleine Handlangertätigkeiten oder gar Betteleien ernährt als von einer festen Tätigkeit. Im Kontrast dazu steht der Hobo: ein Wanderer und Abenteurer des Schienenstrangs, stets auf der Suche nach Arbeit auf der nächsten Farm oder als Holzhacker im nächsten Waldgebiet.

Im Nordamerika des 19. Jahrhunderts führten zwei synchrone Entwicklungen zu der Entstehung des Hobos. Zunächst wurde durch das Ende des  Bürgerkrieges eine große Menge an Arbeitskräften arbeitslos, die zuvor in den Diensten der Armeen gewesen war. Gleichzeitig wuchs in der Zeit nach dem Krieg die Größe des Eisenbahnnetzes mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Im Schnitt wuchs es um rund 4.000 Meilen pro Jahr. Gleichzeitig herrschte in den Weiten des nordamerikanischen Kontinents ein stark saisonaler Arbeitsmarkt. Zu Erntezeiten wurden viele Arbeitskräfte auf den Bauernhöfen und Farmen gebraucht, gegen Winter wurden Männer in den großen Waldgebieten zum Holzhacken benötigt. Die großen Distanzen und Wegstrecken zwischen den Arbeitsplätzen wurden von den „Hoe Boys“ per Zug zurückgelegt. Der Name „Hoe Boy“ deutet klar auf den landwirtschaftlichen Ursprung des Hobos hin: Der Wanderarbeiter war mit seinem Bündel an der Hacke unterwegs, stets auf der Suche nach dem nächsten Bauern, dem er seine Arbeitskraft leihen konnte.

Die zunehmende Mechanisierung der Landwirtschaft und die stark wachsende Industrie läuteten daher auch den Niedergang des Hobos ein. Mit der Einführung von Traktoren und Erntemaschinen endete die Zeit des Hobos und der Notwendigkeit des massenhaften Trampens auf den Schienen. Die große Depression der 20er Jahre trieb zum letzten Mal große Zahlen an Arbeitssuchenden auf die Schienen, hinaus aus den hungernden Großstädten. Zu diesem Zeitpunkt war das Trampen per Zug durch die höheren Zuggeschwindigkeiten allerdings schon massiv erschwert worden. Das Aufspringen auf die fahrenden Züge wurde immer gefährlicher.

So kam es, daß sich die Zahl der Hobos von bis zu 700.000 im Jahre 1911 bis zum heutigen Tage auf wenige hundert reduziert hat. Das Zeitalter der Hobos, das sogar eigene Redewendungen, Codes und verschiedenste kulturelle Elemente produzierte, ist also vorüber. Dennoch lebt der Geist des Hobos nicht nur in einigen jugendbewegten Träumen weiter. Moderne Eisenbahntramps suchen den Kick im „Trainhopping“ und haben die frühere Lebens- und Arbeitsweise so in einen Extremsport der besonderen Art verwandelt. Jenseits der Adrenalinjunkies bleibt für den Jugendbewegten der Traum vom Tramp auf dem Güterwaggon: einmal beim Untergang der Sonne durch die amerikanische Prärie zu rattern und so die schiere Unendlichkeit des Kontinents zu überwinden.

Bildquelle: South Dakota State University

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