Theodor Schieder | Vom Anfang im Ende hin zur neuen Welt

von bjo:rn

Betrachtet man den Einband, der jene 400 Seiten umrahmt, auf denen Christoph Nonn detailliert das private und wissenschaftliche Leben des bürgerlich-jugendbewegten Historikers Theodor Schieder nachzeichnet, lächelt einem vorne ein seriös und zugleich müde wirkender älterer Herr entgegen. Auf der Rückseite dagegen schaut man in das verschmitzte Gesicht eines glücklich dreinblickenden Waldgängers. Auf dem Deckel wird das Vorhaben des Buches wie folgt beschrieben:

Theodor Schieder (1908-1984) war einer der einflußreichsten Historiker der alten Bundesrepublik. Doch es waren seine Aktivitäten während der Zeit des Nationalsozialismus, die bisher vor allem die Beschäftigung mit seinem Leben dominierten. Dieses Buch bietet zum ersten Mal eine vollständige Biographie von Schieder. Es erkundet Verantwortung, Handlungsspielräume und Möglichkeiten eines bürgerlichen Historikers im 20. Jahrhundert.“

Dem Autor gelingt es, den Leser an Schieders Seite auf eine Reise durch die wechselvollen Zeiten des 20. Jahrhunderts mitzunehmen. Seine bürgerlichen Jugendjahre während und nach der ersten „Urkatastrophe“, die bewegenden und für Schieder jugendbewegt geprägten Zwischenkriegsjahre, die Zeit des Nationalsozialismus, die Nachkriegsjahre in der Bundesrepublik und zuguterletzt der erste Historikerstreit in den 70er Jahren.

Das Buch findet wie das Leben des jungen Theodor Schieder seinen „Anfang im Ende“ 1. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges zieht Familie Schieder mit dem 5-jährigen Theodor vom ländlichen Oettingen ins städtische Augsburg. Dem fernen Weltkrieg folgt ein aus nächster Nähe spürbarer Bürgerkrieg. Mit dem Ende der Bayrischen Räterepublik lernt Theodor Schieder die Schule kennen und begeistert sich in wankenden Zeiten für die ihr innewohnende „konservative Kraft“. Diese Motivation am Lernen und später am Lehren hält sein ganzes Leben an. Wenige Jahre später entdeckt Theodor die Jugendbewegung für sich. 1923 wird er Mitglied in einem evangelischen Bibelkreis, später engagiert er sich in der Deutsch-Akademischen Gildenschaft (DAG). Innerhalb der Gildenschaft gehört er dem jungkonservativen Flügel an, welcher sich erfolgreich gegen die Einflußnahme nationalsozialistisch orientierter Gilden wehrt. Dabei klang sein Schreiben in einem internen Rundbrief Anfang 1930 geradezu versöhnlich. Doch als Grenze der persönlichen Freiheit wurde von Schieder die „Freiheit des Bundes“ als Minimalkonsens gefordert.

[...] Aber die Freiheit des Bundes selbst lassen wir uns nicht nehmen. Wir haben erkannt, dass in der Existenz selbstständiger Korporationen, die ihren Wert in sich tragen, die neugestaltete Kraft der bündischen Bewegung liegt. Unsere Aufgabe kann es nicht sein, als Bund in den politischen Machtkampf einzutreten, und wir werden uns immer dagegen wenden, dass unsere Bünde und Korporationen dem Willen einer Partei dienstbar gemacht werden. Es ist eine Verfälschung unserer bündischen Aufgabe, wenn man uns „Zwecke“ zuweist“, die ausserhalb unseres Wesen liegen: in dem eigenständigen Leben einer Gemeinschaft die Erlebnisfähigkeit für den Staat zu erwecken und auszugestalten.

Für die Deutsche Hochschulgilde GREIF:

Theodor Schieder“

(aus: Gemeinsamer Rundbrief der Gilden des Arbeitsabkommens, 1. Folge, Februar 1930)

Der kurz darauf erfolgte Beitritt der entsprechenden Gilden zum Nationalsozialistischen Studentenbund stand dieser Forderung nach politischer Unabhängigkeit diametral entgegen. Diese Provokation führte schließlich zum Rauswurf der sogenannten Ernst-Wurche-Gilden.

In jugendbewegten Kreisen kann er aber auch seine Begeisterung fürs Musizieren, insbesondere sein Geigenspiel, ausleben. Insofern wäre das Bild auf Seite 40, mit Geigenkasten im Kreise seiner Gildenbrüder, eine passende Ergänzung zur bildlichen Umrahmung des Einbandes.

Bildunterschrift: “Theodor Schieder (mit Geigenkasten winkend links) auf dem Weg zum Sommerfest der DAG in Miesbach

Das Jahr 1933 brachte mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten erneut eine Zäsur, die mit dem Abschluß seines Studiums zusammenfiel. Zum einen passte sein Dissertationsschwerpunkt2 auf der „kleindeutschen“ Reichsgründung nicht recht in die neue „gesamtdeutsche“ Staatsdoktrin. Desweiteren dürfte den neuen Machthabern seine bisherige kritische Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus nicht entgangen sein. Seine Skepsis ging soweit, daß er sogar kurzzeitig die Beendigung seiner gerade erst begonnenen wissenschaftlichen Laufbahn und die Aufnahme eines zweiten „Brotstudiums“ erwog. Wie so viele Historiker stand er am Scheideweg: Auswanderung, Anpassung oder aktive Mitwirkung im nationalsozialistischen Staat und seinen Institutionen? Schieder entschied sich für den Mittelweg und arrangierte sich mit den neuen Verhältnissen. Mit einem Zwischenfazit endet dieser umstrittene Lebensabschnitt Schieders.

Die eigentliche Schaffenszeit Schieders liegt in der frühen Bundesrepublik. Im Buch werden dieser Phase vom bürgerlichen „Reload“3 der Nachkriegszeit bis zum letzten Kapitel insgesamt zwei Drittel eingeräumt. Nach der Flucht vor der Roten Armee und den ersten Versuchen an verschiedenen Universitäten gelang ihm im Jahr 1947 in Köln der Wiedereinstieg in eine universitäre Lehrtätigkeit. Der Kölner Universität blieb er, zeitweise als Rektor, trotz zahlreicher Offerten bis zu seiner Emeritierung treu. Eine Aufzählung seiner Tätigkeiten, Herausgaben, Initiativen, Vorsitze und Auszeichnungen würde den Rahmen an dieser Stelle sprengen. Seine leitende Mitwirkung an der Dokumentation der Vertreibung der Deutschen nach 1945 ist bekannt. Wichtige Aussagen und Konflikte rund um diese Dokumentation werden im Buch ergänzt. Weniger bekannt dürfte sein Vorsitz der „Kommission zur Erforschung der Jugendbewegung“ sein. Dies könnte daran liegen, daß er diesen Posten vor Fertigstellung der Dokumentation aufgrund von Meinungsverschiedenheiten wieder aufgab. Seine Mitstreiter teilten nicht seine eher distanzierte Herangehensweise und seine Einschätzung, daß alle Jugendbewegten „Zeugen und Richter in einer Person seien“. Die von ihm eingeforderte Objektivität sah er durch die alleinige Mitwirkung von Zeitzeugen und die Fokussierung auf Primärquellen nicht gewährleistet.

Die Bewertungsmaßstäbe veränderten sich mit den Generationen notwendigerweise. Da wir selbst Betroffene und Zeugen seien, müssen wir uns heraushalten. Die junge Generation sähe vieles anders, aber sie sehe es nicht unwissenschaftlich.“4

Andere Jugendbewegte, darunter einige Gildenschafter, wollten an der Ausarbeitung weiter mitwirken und blieben der Kommission erhalten. So blieb auch nach Schieders Rückzug die Dokumentation eher eine jugendbewegte Fleißarbeit als eine distanziert wissenschaftliche Aufarbeitung. Aber nicht nur gegen diese jugendbewegte Initiative ging er auf Distanz. Zur Unterstützung notleidender Gildenbrüder war er bereit, und auch der persönliche Kontakt blieb teilweise erhalten. Noch Mitte der Achtziger schrieb er dem damaligen Aktivensprecher der Deutschen Gildenschaft einen Brief5 mit der Bitte um Zusendung von Unterlagen aus seiner eigenen Aktivenzeit, da er „seit dem Exodus aus Königsberg nichts mehr aus dieser Zeit“ besaß. Darin berichtete er auch von seiner persönlichen Rolle beim Versuch „die Bünde zu retten“, was ihn immerhin bis zum Vizekanzler Franz von Papen führte. Aufgrund der Machtlosigkeit von Papens war Schieders Versuch bekanntermaßen erfolglos. Für eine Neugründung der Gildenschaft nach dem Krieg war er jedoch nicht zu begeistern.

“Es ist einfach unmöglich, den damaligen Geist und seine inneren und äußeren Voraussetzungen in irgendeiner Weise restaurieren zu können [...] Wenn jetzt wieder eine Organisation aufgebaut wird, die an jene Zeit anknüpfen soll, dann entsteht doch notwendigerweise ein Missverhältnis zwischen dem, was damals sinnvoll war und heute keinen Sinn mehr haben kann [...] Die Welt hat sich so radikal verändert.”6

Dieser neuen Welt, der Wissenschaftswelt, schenkte er seine volle Aufmerksamkeit. Weder diese Hinwendung zur Gegenwart noch sein liberaler Umgang mit anderen Meinungen und Positionen schützte ihn vor den Streitigkeiten, die infolge der Studentenrevolte aufkamen. Abermals wurden von einer jungen Generation eine neue Welt und ein neuer Mensch gefordert. Diesen Weg wollten weder Schieder noch andere seiner Generation mitgehen. Nicht nur die Radikalität der Ideen, sondern insbesondere die Methoden, diese umzusetzen, erinnerten zu sehr an vergangene Zeiten, deren Scherben noch allgegenwärtig waren.

Zum Abschluß skizziert der Autor mit dem frühen Ausscheiden Schieders aus dem Wissenschaftsbetrieb und der fiktiven Ernennung Hans Rosenbergs zum Ordinarius an der Kölner Universität eine alternative Geschichte der Historikerzunft Westdeutschlands. Zwangsweise verläßt der Autor mit dieser Fiktion die wissenschaftlichen Pfade und erzählt eine Geschichte, die es nicht gab und deshalb vage bleiben muß. Seine Motivation ist klar: Nonn versucht, mit dem Mythos aufzuräumen, die Wahl zwischen Schieder und Rosenberg sei eine Art Schlüsselmoment der deutschen Historikerwelt. Nonns Meinung nach war Schieders Ernennung keine Weichenstellung, sondern allenfalls ein Detail in einem recht homogenen bürgerlichen Wissenschaftsmilieu. Ein Detail, welches im Gleichklang und im Diskurs mit seiner Generation Spuren hinterlassen und die Geschichtswissenschaft der frühen Bundesrepublik geprägt hat. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Fußnotenexkurs: Einen kleinen „Historikerstreit“ kann der aufmerksame Leser in den Fußnoten mitverfolgen. Annähernd zwanzigmal werden allein dem Historiker Ingo Haar gravierende „Fehler“7 vorgeworfen. Haar ignorierte diese Vorwürfe und antwortete statt dessen mit einer eifrig schlechtmachenden Rezension in der Süddeutschen Zeitung, in der er das Etikett „enttäuschend bis unseriös“ vergab. Daß seine Kritik in der Unterstellung einer fehlerhaften Aussage Nonns gipfelt, macht diese Rezension besonders grotesk. Ein wenig mehr Zurückhaltung und Reflexion seitens Haars hätten hier gutgetan, insbesondere da seine Interpretationsirrtümer auch schon von anderer Seite bemängelt wurden. So Heinrich August Winkler:

Inzwischen liegt seine Antwort auf meine Kritik vor. Wer von Haar die Korrektur eigener Irrtümer und Fehlinterpretationen erhofft hat, wird enttäuscht. Auf meine zentralen Einwände geht er überhaupt nicht ein […] Haar meint, ich hätte „allenfalls sprachliche Ungenauigkeiten“ an seiner Quelleninterpretation „monieren können, aber keinesfalls eine grobe Verletzung der Regeln wissenschaftlichen Arbeitens“. Da täuscht er sich. Soweit er sich mit Hans Rothfels befaßt, gibt es kaum eine historische Regel, gegen die er nicht verstoßen hätte. Er hat Dokumente zeitlich falsch eingeordnet und folglich falsch interpretiert. Er hat Quellenaussagen und Forschungsthesen verkürzt und häufig sinnentstellend wiedergegeben, ja mitunter ihren Sinn ins Gegenteil verkehrt. Er hat Gegenstände isoliert betrachtet, die nur in einem größeren historischen Zusammenhang angemessen begriffen werden können. Er ist so voreingenommen an sein Thema herangegangen, daß er systematisch alles ausblendete, was seine vorgefaßte Meinung hätte erschüttern können. Und nicht nur das: Er hat Sachverhalte zurechtgebogen und bis zur Unkenntlichkeit verändert, um sie in sein Deutungsschema einfügen zu können. Auf der Strecke geblieben ist dabei nicht nur die Pflicht zum sorgfältigen Umgang mit Quellen und Literatur, sondern, man muß es aussprechen, das Gebot der Fairness und der intellektuellen Redlichkeit. Sehr viel mehr kann man in der Tat nicht falsch machen.“ (Heinrich August Winkler: Geschichtswissenschaft oder Geschichtsklitterung? Ingo Haar und Hans Rothfels: Eine Erwiderung, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 50, München 2002, S. 636 ff.)

Auch die Irrtümer Haars bezüglich Schieder sind keine Fehler im Detail. Insbesondere sein schwerwiegender Vorwurf, bei Schieder handle es sich um einen der wesentlichen Vordenker der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, dürfte nach den gravierenden Korrekturen kaum aufrechtzuhalten sein. Wer einen solchen Vorwurf erhebt, der beim Ausmaß der Vernichtung einer Entmenschlichung der betreffenden Person gleichkäme, darf sich eigentlich keinen einzigen Fehler erlauben. Insofern sollte Haar zufrieden sein, daß ihm lediglich wissenschaftliche, aber keinesfalls menschliche Mängel vorgeworfen wurden. Exkursende.

Eine gerechte Bewertung von Schieders Weg fällt leichter, wenn man die Wege anderer Historiker seiner Zeit dagegensetzt und so Handlungsspielräume erkennbar macht. Hilfreich sind in diesem Zusammenhang die Kurzbiografien weiterer 76 Historiker im Anhang des Buches. Der Autor geht detailliert dem Wirken Schieders in seiner Zeit nach und kann mit einigen Fehldeutungen, Untertreibungen und Überspitzungen aufräumen. Weder war Schieder immun gegen die nationalsozialistische Ideologie, noch kann man ihn zum Vordenker der damaligen Vernichtungspolitik ernennen.

Wer sich vorerst vom Umfang des Werkes abschrecken läßt, der sei auf die Essaysammlung „Jugendbewegt geprägt“ hingewiesen, welche ebenfalls im jugendbewegten Jubiläumsjahr 2013 erschien. Hierin findet sich, neben denen weiterer entsprechend geprägter Persönlichkeiten, auch ein gestraffter Lebenslauf Theodor Schieders aus der Feder von Christoph Nonn. Allerdings bedeutet jede Straffung und jedes Weglassen zwangsweise eine Entfernung von der wahren Person. Insofern ist dem Autor für seine detaillierte Spurensuche zu danken und das umfangreiche Werk zur Lektüre unbedingt empfohlen.

Bücher:

Christoph Nonn: Theodor Schieder, Ein bürgerlicher Historiker im 20. Jahrhundert, Droste Verlag, Düsseldorf 2013, ISBN: 978-3-7700-1629-7

Barbara Stambolis (Hg.): Jugendbewegt geprägt. Essays zuautobiographischen Texten von Werner Heisenberg, Robert Jungk und vielen anderen. (= Formen der Erinnerung Bd. 52), Göttingen 2013, ISBN: 978-3-8471-0004-1

Fußnoten:

1 Kapitelname für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg

2 Die kleindeutsche Partei in Bayern in den Kämpfen um die nationale Frage.

3 Kapitelname für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

4 Zitat von Seite 211 des Buches

5 Archiv der Deutschen Gildenschaft, Schreiben vom 18. Juli 1984

6 Zitat von Seite 210-211 des Buches

7 u.a. „fehldatiert“, „falsch“, „konstruiert“, „irrt“, „entstellt“, „behauptet“, „fragwürdig“

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