achtzehndreizehnlektüre

Passend zum 200 jährigen Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig und zum 100 jährigen Jubiläum der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig sind einige neue Bücher über das Jahr 1813 erschienen. Da sich Romane und Sachbücher gleichermaßen mit der damaligen Zeit beschäftigen, bietet es sich an, einen Roman und ein Sachbuch vorzustellen.

Zum einen haben wir da den schon recht viel besprochenen Roman „1813 – Kriegsfeuer“ von Sabine Ebert, die im Zuge ihrer Arbeiten für das Buch sogar nach Leipzig umgezogen ist und viel Wert auf eine ausführliche Recherche gelegt hat. Sie schreibt:

„Einem hochspannenden, packendem und in diesem Jahr besonders aktuellem Thema widmet sich mein jüngster Roman: dem Schicksalsjahr 1813 und der Völkerschlacht bei Leipzig. [...] Es ist ein Thema, das ungeheuer wichtig für die deutsche und europäische Geschichte, aber wenig bekannt und oft noch durch Mythen verklärt ist. Mit meinem neuesten Buch möchte ich dieses dramatische Jahr für die Leser lebendig werden lassen – so nah dran an den Quellen und tatsächlichen Ereignissen, wie es in einem Roman nur möglich ist. Das war übrigens auch Prinzip bei den sechs Romanen über das deutsche Hochmittelalter, die ich zuvor schrieb und die allesamt Bestseller wurden. Nur dass wir für 1813 viel mehr Quellen haben – so viele, dass ich kaum etwas erfinden musste, nur finden …“ (www.sabine-ebert.de)

So sind im Roman verwendete Zitate oft originalgetreu oder nur soweit verändert, daß sie in unserer heutigen Sprache verständlich sind.

Der Roman läßt uns das Geschehen ab dem 3. Mai, dem Tag nach der ersten Schlacht der Befreiungskriege bei Großgörschen, bis zum 19. Oktober 1813, dem letzten Tag der Völkerschlacht bei Leipzig, verfolgen. Frau Ebert wählt dafür einen klug ausgewählten, an Tagebucheinträge angelegten Stil, der den Leser so leicht die Erlebnisse der verschiedenen Protagonisten aus den verschiedenen Blickwinkeln miterleben und immer den betrachteten Zeitraum bewußt sein läßt. So werden wir gleich am 3. Mai mit in das Haus des Buchdruckers Gerlach in Freiberg in Sachsen genommen. Die junge Vollwaise Henriette aus Weißenfels bei Großgörschen, eine der wichtigsten Charaktere im Roman, ist mit ihrem kleinen Bruder Franz knapp dem Tot entkommen und sucht bei Tante und Onkel Unterschlupf. Sie hat gerade die Grausamkeiten des Krieges erfahren und ist in großer Not an dem Schlachtfeld vorbei zu ihren Verwandten geflohen.

Sachsen steht unter der Fremdherrschaft des französischen Kaisers Napoleon Bonaparte, der mit Sachsen Frieden nach seinem Sieg gegenüber Preußen 1806 bei Jena und Auerstedt schloß und den sächsischen Kurfürsten Friedrich August den Gerechten zum König machte. Durch diese Aufwertung der Stellung Sachsens innerhalb der deutschen Länder kommt es, daß auch in Sachsen viele Gefechte und Schlachten geschlagen werden, die das Land ausbluten und zum wichtigen Schauplatz des Geschehens machen.

Die Autorin schreckt bei ihren Schilderungen auch vor Entzauberungen nicht zurück. Die undisziplinierten Lützower Jäger mit einem ganzen Haufen kampfunerfahrener Freiwilliger finden bei ihr kein großes Lob, wogegen der Rittmeister Peter von Colomb und seine kleine, dafür aber gut ausgewählte und disziplinierte Schar besonders hervorgehoben werden.

„Das Lützower Freikorps ist eine verwahrloste Truppe, schlecht ausgerüstet, ohne Disziplin und ohne gründliche Ausbildung“, verschaffte sich Körner Luft. Mit jedem Wort wurde seine Anklage härter. „Dabei kamen die meisten von uns aus patriotischem Gefühl, um der Sache willen! Wissen Sie, dass die Leute schon Spottverse aus meinem Lied gemacht haben? Nicht Lützows wilde, verwegene Jagd, sondern Lützows milde, verlegene Jagd! Und der Major hat die Truppe nicht im Griff.“

Nun sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus. „Unser Untergang war selbstverschuldet. Lützow hielt erst große Reden, dass ihn der Waffenstillstand nichts anginge. Die Warnung des Rittmeisters von Colomb schlug er in den Wind. Als uns bei Kitzen der Feind umzingelte, war alles verloren. Lützow hatte noch verschärfte Befehle ausgegeben, niemand sollte sich provozieren lassen, aber da waren hinten schon die ersten Handgemenge im Gange … Von unserer Seite fielen die ersten Schüsse … Ich konnte nichts mehr verhindern, es war nicht aufzuhalten … genau so, wie die Franzosen es geplant hatten! Wir haben ihnen direkt in die Hände gespielt und dafür unser Blut vergossen. Das Blut von Männern, die für ihre Ideale kämpfen wollten. Es war so … völlig sinnlos.“

Da über verschiedene handelnde Personen historische Dokumenten existieren, hat Sabine Ebert als Autorin mit hohem Anspruch kaum eine andere Wahl, als die Hauptprotagonisten Henriette, Felix und Lisbeth zu erfinden. Dadurch vermeidet sie es, Personen aus dieser Zeit, von denen man zu wenig weiß, zu stark zu bewerten oder ihnen gar eine falsche Bedeutung zu geben. Weiterhin  erhält es ihr den notwendigen Freiraum, um Geschehnisse zu verbinden ohne dabei in die Not zu kommen, ein fiktives Märchen zu schreiben. Herausgekommen ist ein spannender historischer Roman, der auch geschichtlich weniger bewanderten Lesern Unterhaltung und dennoch eine bekömmliche Prise Historie bietet.

Als zweites möchten wir das Sachbuch „1813 – Die Völkerschlacht und das Ende der alten Welt“ von Andreas Platthaus vorstellen.  Der Autor wurde durch ein Gespräch mit der Französin Marie-Thérèse Rigolé-Houillot auf den Umstand aufmerksam gemacht, daß in Frankreich „la bataille de Iena“ (die Schlacht bei Jena und Auerstedt) weitreichend bekannt sei, wogegen „la bataille de Leipzig“ (die Schlacht bei Leipzig) kaum einer kenne. Andreas Platthaus formuliert dies in der Widmung des Buches:

„Leipzig? In Frankreich nie gehört. Nach Jena sind dort Brücken, Straßen und Métrostationen benannt, nach Leipzig nichts. Das hat mich nachdenklich gestimmt, und das Ergebnis des Nachdenkens ist dieses Buch.“

Inwiefern das Buch Leipzigs Bekanntheit in Frankreich maßgeblich erhöhen kann, darf mangels französischer Übersetzung natürlich bezweifelt werden. Selbst wenn es dazu kommen würde, wären ähnlich gute Verkaufszahlen wie in Deutschland kaum vorstellbar. Hierzulande reiht sich das Werk nahtlos in die Reihe der erfolgreichen Bücher über die Jahrhundertjahre 1813 und 1913 ein. Wenn man bedenkt, daß dem Autor nicht wie bei Florian Illies Ereignisse eines ganzes Jahr rund um den Globus, sondern eng genommen nur 4 Tage im Umland von Leipzig zur Verfügung standen, ist dieser Erfolg keine Selbstverständlichkeit.

Das Buch beginnt mit dem Auftritt des „Kriegsgottes“ Napoleon, so Clausewitz, in Leipzig. Neben den sehr detailliert beschriebenen Kriegstagen (16.-19. Oktober) führt der Autor sehr faktenreich durch die tieferen Zusammenhänge der Völkerschlacht. Bei diesen weiterführenden Abschnitten spart er auch nicht mit bisher eher unbekannten Geschichten. So dürfte die Entscheidung der alliierten Sieger, dem ortsansässigen Buchhändler Brockhaus die Vorrechte bei der Berichterstattung zu erteilen, maßgeblich zum Aufstieg des Brockhaus Imperiums beigetragen haben. Um so bitterer wiegt die diesjährige Entscheidung, die gedruckte Form der ehrwürdigen Enzyklopädie einzustellen. Ein anderes Kapitel widmet sich dem Einsatz von Raketen durch englische Einheiten („Rocketeers“). Den historischen Schilderungen ist nicht ganz eindeutig zu entnehmen, ob deren Einsatz mehr Verwunderung als Schaden anrichtete. Zur Flucht der Franzosen hatte es gereicht. Verblüffend ist zudem die Tatsache, daß mit dem Kommandeur der Raketenabteilung und einem Kutscher gerade einmal zwei Engländer auf den Leipziger Schlachtfeldern fielen. Dennoch durften alle Rocketeers nach ihrer Heimkehr auf Geheiß des englischen Königs fortan den Schriftzug „Leipzig“ auf Helm und Schabracken führen. Eine englische Übersetzung des Buches ist aus touristischen Erwägungen daher wohl nicht notwendig.

Mit dem abschließenden Kapitel verdoppelt Platthaus den Betrachtungszeitraum von 4 auf 8 Tage und nimmt den Leser auf (s)eine 4-tägige Reise zum Ort des damals 199 Jahre zurückliegenden Geschehens mit. Ein Stück weit liest sich dieser Teil des Buches wie Reiseliteratur. Eine Reise fernab von touristischen Klischees, vielmehr eine wohl proportionierte Mischung aus Entdeckertour, Geschichtswanderung und Forschungsreise. Dem Macher seien diese 4 Tage Entdeckerreise gegönnt, schließlich ging diesem gewiß eine ungleich höhere Fleißarbeit voraus. Vielleicht werden zwischen dem 16. und 19. Oktober 2013 mehr „Schlachtenbummler“ mit dem weißen Einband durch Leipzigs Gassen schlendern. Die Stadt, das Buch und die zahlreichen Erinnerungsorte hätten es verdient. 2012 hieß es noch:

„Und als Schlachtenbummler werde ich auch weitgehend allein bleiben – an den meisten Gedenkorten rund um und in Leipzig ist es einsam, die einzige veritable Touristenattraktion unter den historischen Stätten ist das Völkerschlachtdenkmal. Das wird sich zwar zum zweihundertsten Jahrestag der Kämpfe ändern, und genau dafür werden die Denkmale schon eifrig herausgeputzt, doch auch 2013 werden etliche Monumente und ehemalige Kriegsschauplätze bestenfalls für ein paar Tage aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen und danach wieder bis zum nächsten Jubiläum vergessen sein. Dabei ermöglicht der Weg auf den Spuren der Völkerschlacht noch ein ganz anderes Verständnis für das Geschehen von 1813 als das Studium von Büchern oder Quellen.“ (S. 388-389)

 

Ob nun als Reiselektüre für echte Fahrten oder aber für eine Lesereise in die Vergangenheit – beide Werke sind sehr zu empfehlen. Diese und andere Bücher zum Jahr 1813 finden sich hier oder besser noch beim Buchhändler um die Ecke.

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