ekel alfred oder die mär vom rumpelstilzchen

Der ARD-Hörspielpreis 2012 ging an ein Radiohörbuch über das Leben des Wandervogels und mehrfachen Meißnerfahrers Alfred C. Toepfer.

von bjo:rn

[Sonntagabend auf der Autobahn.]

Die Sonne hat sich längst westwärts aus dem Staub gemacht. Die Piste ist außerordentlich frei, fast gemütlich tuckern wir gen Norden. Im Radio läuft gerade ein Hörspiel, genau das Richtige, um entspannt anzukommen. Erstmal ‘reinkommen, leider haben wir den Anfang verpaßt. Klingt auf Anhieb krimihaft, zwei Menschen flüstern ihren Plan ins Mikrofon, das scheinen wohl Detektive zu sein. Gespannt lauschen wir. Die Detektive entpuppen sich als spitzbübische Journalisten.

[Unsere Fahrt geht an Celle, unweit des Naturparks Südheide, vorbei.]

Beim gemeinsamen Heidespaziergang mit den beiden Spürnasen plauscht der befragte Alfred frei drauflos: „Bewegung … pflegt den menschlichen Körper um ein vielfaches gründlicher als Wasser oder Duft oder gar Duftunterdrückungsstoffe.“ Der Bewegung, insbesondere der Jugendbewegung, war Alfred schon seit jeher verpflichtet. Als Wandervogel durchstreifte er nicht nur frühzeitig die Lüneburger Heide. Neunzehnjährig nahm er auch am ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner teil. 75 Jahre darauf nahm er den Weg auf den Meißner, nun hochbetagt, erneut auf. Diese Episode läßt das Hörbuch gleichwohl unerzählt. 99 Lebensjahre in 57 Sendeminuten, da mußte so manches unausgesprochen bleiben.

[Das Hinweisschild zum Panzermuseum Munster ist in der Dunkelheit kaum zu erkennen.]


Auch Chauffeur Kurt fährt das Trio gerade durch die Heide. Dem gerade wiederbelebten Alfred C. werden so geistreiche Aussagen wie „Heide ist wie Körperpflege ohne Wehrmacht“ entlockt, worauf sich zwangsweise die nicht minder geistreiche Frage nach „Körperpflege mit Wehrmacht“ anschloß. „Das ist vorbei“, winkt Alfred ab. Ansonsten ist Herr C. für einen hansischen Kaufmann äußerst redselig, was für ein kurzweiliges Hörspiel natürlich unabdingbar ist. Heidewitzka, Herr Kapitän.“

[Das Designeroutlet Soltau rauscht vorbei, Bäume, Birken gar, umrahmen den verwaisten Parkplatz.]

Das Hörspiel „ALFRED C. – Aus dem Leben eines Getreidehändlers“ wurde vor einigen Wochen mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet. Die Jury begründete ihre Entscheidung wie folgt:

„Wir hören einem deutschen Männerleben zu – vom Wandervogel zum Herrenmenschen, vom Heideburschen zum Großmäzen. Mit den Mitteln der Persiflage, der Groteske und aus Versatzstücken von Alfred C. Töpfers unveröffentlichter Autobiographie erfindet Bohlen diesen autoritären Charakter neu, indem er ihn ganz zu sich selbst kommen lässt. Zugleich verspottet er auch das selbstgerechte Ritual der bundesdeutschen Enthüllungsindustrie. All dies ist originell und originär, ist so abgründig wie humoresk. Um den Schauspieler Harald Halgardt, den großartigen Sprecher der Hauptfigur, kreieren Bohlen und die Regisseurin Judith Lorentz zudem ein Stimmenspektrum, das bis in kleinste Nebenrollen hinein, etwa Otto Sander als Chauffeur Kurt, staunenswert ist. ´Alfred C. – Aus dem Leben eines Getreidehändlers´ ist ein herausragendes Hörspiel von heiterer Hintergründigkeit. Es schöpft die Möglichkeiten des Genres aus und erweitert sie mit der leichten Hand des Könners Hermann Bohlen.“

Ein wenig erinnert das Thema an Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers. Hier ein detektivischer Schlüsselroman, dort ein kriminologisches Schlüsselhörbuch. Doch dem Walserroman entgegen wird das „Opfer“ hier nicht ums Leben gebracht, sondern zum Leben erweckt. Alles mit dem Ziel, seine Zunge zu lockern. Dadurch soll Alfred endlich, 19 Jahre nach seinem Ableben, zumindest als verbaler Täter überführt werden. Heraus kommt eine Mischung aus Ekel Alfred und Rumpelstilzchen. Inwiefern dieses Zerrbild dem echten Alfred C. Toepfer und seinem Spirit gerecht wird, ist sehr fraglich. Insbesondere der fast schon schmerzhafte Versuch, dem greisen Mann die Verfolgung und Vernichtung der Juden anzuschwatzen, verklausuliert als „Birkenfrage“, als verbissener Kampf gegen die „Verbirkung der Heide“ mitsamt den dazu einberufenen „Birkenkonferenzen“, schießt arg übers investigative Ziel hinaus. Die Kunst ist frei, über Geschmack läßt sich streiten, aber der künstlerische Anstand sollte Grenzen kennen. Sein Agieren in der Zeit des Nationalsozialismus läßt sich anprangern, wenn es der rote Faden erzwingt, soll es dem Künstler auch erlaubt sein, Entlastendes[1] zu verschweigen, aber müssen es unbedingt Wortspielereien mit „Judenfrage“ und „Wannseekonferenz“ sein? Darunter geht es anscheinend nicht mehr. So verwundert auch ein wenig die Annahme der Jury, mit dem Stück hätte man das „selbstgerechte Ritual der bundesdeutschen Enthüllungsindustrie“ verspottet. Der Spott und ein ganzer Haufen mehr bleiben einzig an Alfred kleben. Ein wenig viel Gespött für jemanden, der an die 100 Jahre lang und bis in die heutige Zeit sein Wollen, Wirken, Wagen und letztlich auch sein Vermögen, immerhin mehrere Einhundertmillionen DM, der Allgemeinheit zur Verfügung stellte. Die Trauerworte des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt zu Toepfers Tod lassen sich deshalb noch heute als kurze Erwiderung heranziehen:

„Toepfer war ein Mann der Freiheit. Aber Zucht und Ordnung gehörten ihm dazu – und diese beiden Leitworte bedeuteten ihm keineswegs militärischen Gehorsam oder Drill, sondern vielmehr und ganz ausdrücklich die stetige Bereitschaft, anderen zu helfen.“ (15. Oktober 1993 im Hamburger Rathaus)

Hört man über die Spottverse des Hörbüchleins hinweg, so geht das Stück aufgrund der schaurig- bis heiter-glaubwürdigen Stimmen tatsächlich ins Ohr. Der stete Wechsel zwischen Dialogen, Rahmenhandlung, Interviewansätzen und heiteren Selbstgesprächen erhält die Spannung und wirkt keineswegs verwirrend. Aufgrund der zeitweisen Unwirschheit des Hauptcharakters laufen die Dialoge oft schwer aneinander vorbei. Man könnte meinen, der Autor wollte das gegenseitige Desinteresse und das beidseitige Unverständnis zweier Generationen in Erinnerung rufen. Selbstverständlich punkten die beiden lässig agierenden Journalisten verbal gegen den knorrigen A.C., jenen Getreidehändler aus einer anderen Zeit. Einen Bruch erfährt diese Sympathie, als die beiden beschließen, ihren Gesprächspartner zu fesseln und ihm die Zunge anzunähen. Wird in diesem Willkürakt etwa das erwähnte, „selbstgerechte Ritual“ der Enthüllungsindustrie auf die Spitze getrieben? Das fragwürdige Vorgehen wirft einige philosophische Fragen auf: Unter welchen Umständen ist das Malträtieren eines gleichfalls Toten wie Untoten gerechtfertigt? Kann man einem zum Leben Erweckten das Lebensrecht auch wieder entziehen? Dieser Balanceakt zwischen Leben und Tod preßt das Stück in ein weiteres, bisher unerwähntes Genre.

[Das Navi murmelt in die Szene hinein: „In 500 Metern rechts abbiegen, sie haben ihren Bestimmungsort erreicht.“]


[1]              Beispielsweise in: Jan Zimmermann: Alfred Toepfer; Ellert & Richter Verlag; Hamburg 2008, S. 57 ff. Geschildert wird dort sein Einsatz für die jüdischen Mitglieder der Hamburger Getreidebörse, deren finanzielle Unterstützung und seine zeitkritischen Marktberichte, deren Herausgabe infolgedessen verboten wurde. Des weiteren S. 79 ff. „Jedenfalls darf nach dem bisher vorliegenden Material angenommen werden, daß sich die politische Interessensphäre Alfred Toepfers von reaktionär-liberalistischen Anschauungen über bündische Ideen zur „Schwarzen Front“ und zum Bolschewismus bewegt.“ (Auszug aus einem Gestapoprotokoll 1937)

Hören:

Zumindest ein paar Ausschnitte des Stücks sind hier zu hören.

Lesen:

Wer mehr über die Person und das Leben Alfred Carl Toepfers wissen möchte, der sei auf das folgende Buch hingewiesen:

Jan Zimmermann: Alfred Toepfer.

Ellert & Richter, Hamburg 2008

ISBN 978-3-8319-0295-8

Auch dieser Artikel in der FAZ ist durchaus erhellend und birgt einige Parallelen zum Hörspiel.

Schauen:

Die in diesem Artikel verwendeten Bilder stammen von A. Paul Weber

Nachtrag:

Das komplette Hörbuch konnte man noch bis zum 10. Februar 2013 beim SR 2 anhören. Über weitere Veröffentlichungen werden wir rechtzeitig informieren.

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